Etwas über das Leben lernen

„Ihre Tochter buddelt gern in Gräbern“ nuschelte mein Doktorvater, mit verschmitztem Grinsen & der unvermeidlichen Pfeife im Mundwinkel, meinen verdutzten Eltern zu, als diese mich von meiner Abschlussprüfung abholen wollten. Upps, war mir gar nicht aufgefallen, aber mit „Friedhöfe in der Literatur“, „Sterben im Mittelalter“, „Beowulfs Tod“ hatten meine Prüfer schon ein reichlich schwarzes Programm an diesem kalten Februarmorgen.

Die Themen Tod und Friedhöfe hatten mich da schon lange Zeit begleitet. Angefangen hat es während eines Urlaubs mit meinen Eltern und Geschwistern auf einem Campingplatz in einer engen Schlucht im Schwarzwald. Das Gelände war so steil, dass die Wohnwagen auf Terrassen am Hang standen. Und mittendrin, hinter hohen Hecken und Zäunen, ein jüdischer Friedhof, die Gräber ebenfalls auf Terrassen angeordnet. Ich zwängte mich durch ein Loch in den Hecken, um dann einfach nur zwischen den wildromantisch überwucherten Gräbern zu sitzen und die Stille zu genießen. Ich war 12 und empfand damals schon eine Art Verzauberung, einen besonderen Frieden an diesem Ort.

Die Gruftie-Karriere war damit vermutlich vorgezeichnet, aber ich hab mein Interesse für Friedhöfe und für die dunklen Seiten selbst nie als morbide empfunden. Eher war für mich das Ausklammern dieser Themen eine Art Verstümmelung oder Amputation. Das Licht, die Freude, das Lebendigsein hatten für mich nur Bedeutung, wenn man auch dem Gegenteil – der Dunkelheit, dem Traurigsein, dem Sterben, dem Tod – Raum gewähren konnte. Diese Dinge gehörten zum Leben. Gruselig wurden sie nur dann, wenn man sie mit Gewalt verdrängte. Natürlich habe ich als Kind dies nicht so explizit gedacht, aber das Fehlen einer Balance habe ich ganz deutlich empfunden. Und die Hinwendung zu den „dunklen“ Themen war für mich ein Versuch, das Gleichgewicht wiederherzustellen, nicht die Abwendung vom Bunten, Vergnüglichen, Lebensfrohen.

So intensiv ich mich mit dem Tod beschäftigt habe, so erstaunlich oberflächlich ist doch meine Auseinandersetzung mit dem „Danach“ geblieben. Mir war recht bald klar, dass ich die Frage nicht würde lösen können. Ich hab weder angenommen noch ausgeschlossen, dass es irgendeine Form der Weiterexistenz nach dem Tod gibt. Und mit dieser Ungewissheit kann ich seitdem gut leben. Es gibt ja auch viel dringlichere Fragen. Was sagt mir der Tod über das Leben? Wer bin ich – angesichts des Todes? Was macht ein gutes Leben aus?

Durch das Herumstrolchen auf Friedhöfen habe ich schon eine ganze Menge erfahren können, aber meist nur mittelbar. Viel blieb mir verborgen hinter den Gesten, Masken, Mythen, Konventionen. Und es blieb immer ein Rest von Grusel angesichts des Toten, auch ein Ekel vor der Hinfälligkeit des Körpers. Dies – und nicht etwa die Frage nach dem Weiterleben – war in irgendeiner Schicht des Bewusstseins immer am Rumoren. Ein loser Kiesel, den ich nicht zu fassen bekam und der mich daran hinderte, eine wirkliche Balance herzustellen zwischen all den Teilen, die zum Leben gehören.

Unter dem Sargdeckel

Georgen-Friedhof, Berlin

Schon vor einigen Jahren entstand so die Idee, auch mal unter den Sargdeckel zu schauen und bei einem Bestatter mitzuarbeiten. Und die kam zwangsläufig gleich wieder an die Oberfläche, als ich meine Auszeit plante. Vor 3 Jahren hatte ich Barbara Rolf im Internet entdeckt und war sehr angetan von ihrer unkonventionellen Arbeitsweise und der Hinwendung zu den Verstorbenen und deren Angehörigen. Dass es dann gleich mit einem 4-wöchigen Praktikum bei Bestattungen Rolf geklappt hat, war einer von diesen wunderbaren Glücksfällen, die mich so hartnäckig verfolgen 🙂

Natürlich haben mich im Vorfeld viele gefragt, was ich denn genau beim Bestatter machen würde. Ich konnte dann meiner Vorliebe für üble Kalauer meistens nicht widerstehen und hab geantwortet: „Ich hoffe ich kann überall mal hineinschnuppern!“. Tatsächlich hatte ich vor einigen Dingen Angst, gerade aber auch vor Gerüchen. Und in den Tagen kurz vor Praktikumsbeginn habe ich meine Entscheidung durchaus einige Male verflucht.

Die Ängste haben sich dann aber im Laufe des Montags erstaunlich schnell verflüchtigt. (Und um es vorwegzunehmen: das mit den Gerüchen ist auch für sensible Näschen kein Problem!). Das größte „Problem“ war vielleicht die Geschwindigkeit, mit der sich meine eigene Wahrnehmung veränderte. Annahmen über die Arbeit an sich und Annahmen über mich selbst wurden so schnell obsolet, dass das gedankliche Gebäude rundherum völlig aus den Fugen geriet. Und immer wieder erwischte ich mich, dass ich einen Schritt neben mir stand und mich selbst wie in einem Film sah.

Der Umgang mit den Verstorbenen war für mich natürlich der kritische Punkt, und ich war mir alles andere als sicher, dass ich damit würde „umgehen“ können: dem Abholen und Transportieren, dem Versorgen, Waschen und Anziehen. Es war eine ganz große Erleichterung zu wissen, dass ich zu jeder Zeit selbst entscheiden konnte, ob ich dabei bin, ob ich mithelfe, wie weit ich gehen will. Anfänglich kostete selbst das Anschauen Überwindung, jede Berührung habe ich auf das Notwendigste beschränkt und bin dann schnell wieder einen Schritt zurückgetreten. Aber schon am 2. Tag war eine gewisse Selbstverständlichkeit eingetreten. Ich konnte im körperlichen Kontakt bleiben. Und ich habe den Verstorbenen immer noch ein Weilchen angesehen, wenn wir mit ihm fertig waren.

Am erstaunlichsten war vielleicht für mich, wie befriedigend sich die Versorgung der Verstorbenen anfühlt. Natürlich sehen sie danach nicht „schön“ aus. Aber sorgfältig angekleidet, zurechtgemacht, gebettet, sehen sie „gut“ aus, vielleicht friedlicher, würdevoller. Das letzte Bild, das die Angehörigen von ihnen mitnehmen, wenn sie noch einmal Abschied nehmen.

Manchmal gibt es keine Aufbahrung, zB wenn die Angehörigen es nicht wollen. Oder wenn es gar keine Angehörigen gibt. Diesen Fall hatten wir bei einer sehr alten Frau, die im Pflegeheim gestorben war. Für die Bestattung kommt die Stadt auf, natürlich alles in einfachster Ausführung. Trotzdem wird die Versorgung auf die gleiche Weise und mit der gleichen Sorgfalt durchgeführt. Eine letzte Geste der Zuwendung, eine Respektsbezeugung vor dem Menschen. In einer Welt, in der sonst alles knallhart auf den geschäftlichen Nutzen hin durchkalkuliert ist. Und ich bin diejenige, die die Verstorbene noch einmal ansieht und lautlos „Tschüß“ murmelt, bevor sich der Sargdeckel ein letztes Mal senkt …

Das nur ein kleiner Ausschnitt aus der vergangenen Woche, aus einer wahren Flut von Eindrücken, die über mich hereingebrochen ist. Die ganze Logistik um einen Sterbefall ist beeindruckend komplex. Und wie überall gibt es administrativen Overhead, die Behördengänge, die erledigt werden müssen, der unvermeidliche Papierkrieg. Es gibt Trauergespräche, Gestaltung und Dekoration von Trauerfeiern, Trauerreden, handwerkliche Arbeiten in der Werkstatt, körperliche Anstrengungen beim Transportieren, Arbeit an Texten, Gestaltung von Broschüren – ich bin noch weit davon entfernt, einen Überblick über alle Facetten der Arbeit zu haben. Und es gibt Menschen, die diese Arbeit mit viel Liebe und Energie und gleichzeitig großer Leichtigkeit machen.

Am Abend des ersten Tages war ich mental einigermaßen erschöpft und musste erstmal verdauen. Am Dienstag Abend merkte ich plötzlich, dass ich mich auf den nächsten Tag freute. Und als ich am Mittwoch heimfuhr, spürte ich eine ungewohnte Lebendigkeit und Beweglichkeit, und ein Gefühl, das mir ganz abhanden gekommen war: Freude an der Arbeit.

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