Höhlenabenteuer I

Lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen, sage ich zu ihm. Ich lag einmal in einem Krankenhaus in Warschau. Ich konnte mich nicht bewegen, hatte keine Kontrolle über meinen Körper, und mit mir zusammen lag noch eine ganze traurige Reihe von Invaliden im Zimmer. Langeweile, Monotonie, Selbstbeobachtung. Ein langer weißer Saal, ein Bett neben dem anderen, es war wie im Gefängnis. Es gab nur ein Fenster, ganz hinten. Einer der Kranken, ein knochiger, fiebernder, vom Krebs aufgefressener Mann, er hieß Guy, Sohn von Franzosen, hatte das Glück gehabt, in die Nähe dieses Lochs zu kommen. Er brauchte sich nur ein wenig aufzurichten und dann konnte er nach draußen schauen, die Straße sehen. Was für ein Schauspiel! Ein Platz, Wasser, Tauben, Passanten. Eine andere Welt. Er klammerte sich verzweifelt an diesen Ort und erzählte uns, was er sah. Er war privilegiert. Wir haßten ihn. Wir hofften, ehrlich gesagt, dass er sterben würde, um sein Platz einnehmen zu können. Wir stellten Berechnungen an. Schließlich starb er. Durch ein paar komplizierte Manöver und Bestechung schaffte ich es, daß ich in dieses letzte Bett im Saal verlegt wurde. So weit, so gut, sagte ich zu Renzi. Von dem Fenster aus konnte man nur eine graue Mauer und ein Stück schmutzigen Himmel sehen. Natürlich fing auch ich an, den anderen von dem Platz und den Tauben und dem Betrieb in der Straße zu erzählen. Warum lachen Sie? Das hat was, sagt Renzi. Es hört sich an wie eine polnische Version der Höhle von Platon. Warum nicht, sage ich, es dient als Beweis, daß man überall Abenteuer finden kann. Finden Sie nicht, daß das eine wunderschöne praktische Lektion ist? Eine Fabel mit Moral, sagt er. Genau, sage ich.

Ricardo Piglia, Künstliche Atmung

Ich frage mich, warum ich manchmal ein Buch, das ich eigentlich langweilig bis ärgerlich finde, trotzdem bis zum Ende durchlese. Manchmal (nicht immer) bekomme ich eine Antwort auf die Frage. So zuletzt geschehen bei Ricardo Piglias „Künstlicher Atmung“. Ja, auch wenn das Buch 1980 unter der argentinischen Militärdiktatur erschienen ist und deswegen Anspielungen hermetisch verschlüsselt, Zitate verschachtelt, Handlungen bis zur Unentwirrbarkeit ineinander verschlingt, ja, auch wenn ich von argentinischer Literatur- und Politik-Geschichte nicht wirklich viel Ahnung habe – ich bin trotzdem so unbescheiden und hätte in einem Roman gern eine Ebene, auf der Lust- oder Erkenntnisgewinn auch ohne Kommentar und exegetische Handreichung funktioniert. Und selbst in den transparenten Passagen, in denen etwa ein exilierter polnischer Philosph dem Erzähler von einer mysteriösen Begegnung von Hitler und Kafka in Prag im Jahre 1909 berichtet, entwickelt die Sprache keine Kraft, bleibt geschwätzig, schlagen die Bilder mich nicht in ihren Bann.

Doch mittendrin dann die Geschichte vom Krankenhaus in Warschau. Sie erzählt von der Macht der Fantasie in einer grauen Welt voller Schmerz und Monotonie. Davon, dass man die Abenteuer nicht in der Welt suchen muss, sondern sie in sich selbst finden kann. Und wegen dieser Erkenntnis, dieses kleinen Fensters nach draußen, bin ich dann auch nicht böse um die vielen Lesestunden.

Ricardo Piglia, Künstliche Atmung. Berlin: Wagenbach, 2002.

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