Konsum ergo sum

„Möchtest du mehr Zeit, mehr Geld und mehr Platz in deinem Leben haben? Dann werde doch Minimalist. Dazu gibt es noch gratis inneres Wachstum, eine aktive Community und mehr Achtsamkeit im Alltag.“ schreibt Michael in seinem Blog am 8.1.2014.

Ich habe den Minimalismus entdeckt. Seit Wochen wühle ich mich durch englische und deutsche Blogs und lesen die Berichte von Leuten, die nicht mehr als 100 Dinge ihr eigen nennen, die mit minimalem Gepäck die Welt bereisen, die allen materiellen Ballast abgeworfen haben, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Es scheint mir überdies, als würde Minimalismus zwingend zur Blog-Autorschaft führen. Oder als liefen Blog-Autoren stärker Gefahr, Minimalisten zu werden. Und Veganer. Naja.

Das Ganze hat die Sogwirkung von Erbauungsliteratur. Ein Traktätchen nach dem anderen entfaltet sich vor meinen Augen und ich kann nicht aufhören. Obwohl sich die Ratschläge seit geraumer Zeit wiederholen. Jeden Tag ein Ding entsorgen. Oder einen überschaubaren Bereich, zB eine Schublade, in 3 einfachen Schritten entrümpeln: 1. alles raus, 2. Schublade saubermachen, 3. das Zeug in 3 Haufen unterteilen: die Dinge, die in den Müll oder sonstwie entsorgt werden können, die, die man auf jeden Fall behalten will (zurück in die Schublade) und die Zweifelsfälle (in eine Kiste, beschriften und in den Keller damit, je nach Temperament dann nach 6 Monaten oder einem Jahr entsorgen, falls man den Inhalt in der Zeit nicht benötigt hat (hat man nicht)). 3 Monate lang mit einer Garderobe bestehend aus 33 Kleidungsstücken auskommen. Überhaupt, Zahlenmagie und Listen spielen eine große Rolle, besonders bei den englischsprachigen Bloggern. 10 Tipps, wie du dein Zeug loswerden kannst. 7 Gründe, warum du dann glücklicher sein wirst. 20 Adressen für die Entsorgung von ungeliebten Besitztümern. 13 Möglichkeiten, auch deinen Arbeitsalltag, dein Beziehungsleben und deinen Kopf zu entrümpeln.

Dies gesagt mit einem Augenzwinkern, doch bei aller Skepsis gegenüber der quasi-religiösen Anmutung mancher Beiträge wünscht das Herz doch sehnlichst etwas weniger Erdgebundenheit durch all den toten Besitz.

Ja, ich hab nicht nur gelesen, sondern auch schon angefangen, ein bisschen aufzuräumen. Und hab mir Gedanken gemacht, warum mich dieses Thema schon ein Leben lang verfolgt, ohne dass ich einen entscheidenden Schritt weiterkomme.

Als ich noch zuhause wohnte, habe ich angeblich behauptet, mir würden später mal eine Matratze, ein Tisch und ein rostiger Nagel, um meinen Mantel aufzuhängen, ausreichen. Hatte ich völlig verdrängt. Mein Bruder hat mich Jahre später dran erinnert. Da war es aber schon zu spät.

Als ich von meinem norddeutschen Moordorf nach Berlin (West) in den 8. Stock eines Studentenwohnheims zog, war in dem Miniatur-Apartment tatsächlich kaum Platz für mehr. (Dafür ein grandioser Blick über den Wedding.) Ein Mitbewohner berichtete nachdenklich von Studien über Nagetiere, die angeblich das Geschlecht wechselten, wenn sie zu dicht aufeinander lebten. Bevor ich dieser Hypothese nachgehen konnte, tauschte ich die Fernsicht gegen den Blick in einen trostlosen Neuköllner Hinterhof ein.

Das Ideal der Besitzlosigkeit war schnell vergessen, ich wollte es mir ja ein „bisschen schön“ machen. In den 10 Jahren Studentenleben fehlte es immerhin an Geld für größere Anschaffungen. Als ich dann endlich einen richtigen Job hatte, hatte sich die Sparsamkeit so eingebrannt, dass es mir richtig schwer fiel, mal mehr als nur das Nötigste zu kaufen. Ich hab mir lange danach noch immer nur eine CD auf einmal gekauft. Alles andere kam mir verschwenderisch vor. Und ich hatte das Gefühl, die CDs gar nicht alle richtig würdigen zu können, wenn mehrere davon gleichzeitig auf meinem Tisch landeten.

Irgendwann muss sich das geändert haben. Irgendwann bestellte ich dann lieber noch eine CD mehr mit („wenn man ohnehin schon bestellt“). Irgendwann sagte ich mir: ich brauche dieses Paar Stiefel nicht wirklich. Ich hab schon 12. Aber ich kaufe sie mir trotzdem. Weil ich es mir leisten kann. Und es irgendwie eine kleine Entschädigung ist für die tägliche Tretmühle …

Spätestens nach meiner Heirat war dann der Nestbautrieb völlig ungehemmt. Nach der Trennung habe ich allein 6 (in Worten: sechs!) große Umzugskartons mit Deko, größtenteils Kunstblumen, weggegeben. Mein Bruder, der damals oft auf Flohmärkten verkaufte, freute sich über die zusätzliche Einnahmequelle. Manche Sachen waren allerdings auch für ihn traumatisch. Die schwarzen Weihnachtsbaumkugeln hat er jahrelang mit sich rumgeschleppt, die gingen gar nicht.

Seitdem kämpfe ich gegen den Krempel, allerdings ohne sichtbaren Erfolg. Warum?

  • „Eins raus, eins rein“: Der Besitz wird nun mal nicht weniger, wenn man gleichzeitig immer wieder neue Gegenstände in die Wohnung holt. Klingt simpel, ich hab es aber jahrzehntelang geschafft, diesen Umstand völlig zu ignorieren.
  • „Das ist doch noch gut! Tut das Not, das wegzuwerfen?“ Und wenn man etwas tatsächlich aus der Wohnung entfernt, dann muss es zumindest einem neuen guten Zweck zugeführt werden. Den zu finden, dauert manchmal Jahre.
  • „Trips down memory lane“: Familienerbstücke, Geschenke von lieben Menschen, Erinnerungen an besondere Momente – die wegzuwerfen kommt einem Affront gegen den mit dem Gegenstand verbundenen Menschen gleich.

Und andererseits:

Als Kind bin ich mit meinen Eltern und 2 Geschwistern wahnsinnig gern im Wohnwagen unterwegs gewesen. Mich hat fasziniert, wie man auf kleinstem Raum alles Notwendige unterbringen kann. (Okay, bei der Definition von „notwendig“ gingen meine Meinung und die meiner Eltern dann doch manchmal auseinander: die Mitnahme der 6-bändigen Theodor-Storm-Ausgabe in den 3-wöchigen Urlaub auf dem Bauernhof im Hunsrück wurde leider nicht genehmigt.) Man hatte alles, was man brauchte, dabei und im direkten Zugriff, alles war ungeheuer praktisch eingerichtet, schnell ließ sich ein Bett zu einer gemütlichen Sitzecke umbauen. Das war das genaue Gegenteil zu unserem Haus: groß, alt, schön, aber unpraktisch geschnitten, der Kram sammelt sich in zahllosen Kammern, Winkeln und Verschlägen und ist nicht mehr auffindbar, wenn man ihn braucht. Wenn man ihn nicht braucht, ist er im Weg.

Eine Wohnung wie unser Wohnwagen damals wäre mein Traum. Gut, sie muss vielleicht nicht so klein sein. Aber ich wär gern theoretisch in der Lage mit allen meinen Besitztümern in einen Wohnwagen umzuziehen. Wenn ich vor einem Schrank stehe, wüsste ich gern, welche Sachen drin sind, ohne ihn zu öffnen. Weil sie alle in den vergangenen 12 Monaten mindestens einmal benutzt habe.

St. Marien zu LübeckTrotz einiger tapferer Entsorgungsaktionen bin bin ich noch meilenweit von diesem Ideal entfernt. Allein die Bücher! Aus therapeutischen Gründen hab ich’s mal ausgerechnet: es sind 33 Meter in der Wohnung plus 4 Meter in Kisten im Keller. Wenn man alle Bücher stapeln und sich draufstellen würde, könnte man die Decke der Marienkirche in Lübeck berühren. Das ist die Kirche mit dem höchste Backsteingewölbe der Welt.

Für diejenigen, die gern mehr zum Thema erfahren wollen und nicht derart mit Zeitwohlstand gesegnet sind wie ich bzw. sich nicht durch die zahllosen Blogs zum Thema wühlen wollen, empfiehlt sich der Blick in 2 preisgünstige e-books:

PS: Den Titel habe ich bei Barbara Sichtermann geklaut, „Konsum ergo sum“ hieß ein Artikel, den sie 1986 in der Zeit veröffentlicht hat. Den Titel fand ich schon damals toll, ich hab ihn ausgeschnitten und in einer Collage verwendet. Den Artikel selbst hab ich erst jetzt gelesen (Die Zeit hat ihr Archiv komplett digitalisiert! fantastisch!) und fand ihn aus heutiger Perspektive eher nicht sooo relevant.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hier muss ein Tippfehler vorliegen. Es heißt nicht „Konsum ergo sum“, sondern bekanntlich „Konsumi ergo sumi“ ! Ich bitte das zu beachten.

    Und vielleicht sollte man gegen Krempel nicht „kämpfen“. Das ist doch unfair. Wie soll der sich denn wehren? Nur so eine Idee natürlich.

    Nichts für schlecht, und alles liebe für Dich versteht sich… 🙂

  2. Lieber Martin, dieser Aspekt war mir völlig entfallen – so ergibt das natürlich auch wieder viel mehr Sinn!

    Ich bin im Übrigen davon überzeugt, dass sich der Krempel wehrt. Und er hat ziemlich unfeine Methoden! Wenn ich zB den Kleiderschrank ausmiste und tütenweise Sachen wegschmeiße, dann dekomprimieren einfach die restlichen Klamotten und – pfuuhump – ist der Schrank wieder genauso voll als wie zuvor …

    Liebe Grüße! Sumi

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