Lebe die Fragen!

Als ich meinen Entschluss kundtat, meinen sicheren und auskömmlichen Job an den Nagel zu hängen, um eine Auszeit auf unbestimmt zu nehmen, gab es im Wesentlichen zwei Reaktionen. Die Bedenkenträger waren in der Minderzahl. Die meisten ließen auf das „das ist aber mutig“ bald ein „ich beneide dich“ folgen. Und fast alle wollten gern auf dem Laufenden gehalten: was sich bei mir dann so tut, was ich mache und wie ich die Zeit gestalte. Einige sagten: „Schreib doch ein Blog“.

Dabei hatte ich doch gar nichts Spektakuläres vor, was ein öffentliches Tagebuch gerechtfertigt hätte. Keine Weltreise, keine Mitarbeit bei sozialen Projekten in fernen Ländern. Im Wesentlichen waren es drei Dinge, die mir vorschwebten, als ich den Entschluss fasste: ich wollte etwas für meinen Rücken tun und sehen, ob die chronischen Verspannungen nicht mit intensiverem Training und regelmäßen Entspannungsübungen in den Griff zu kriegen oder vielleicht sogar in Wohlgefallen aufzulösen sind. Zweitens: mich ungestört meinen Musikprojekten widmen und mir ein paar Grundlagen aneignen, deren Fehlen mich in den letzten Monaten immer wieder aufgehalten hat. Und schließlich: Abstand gewinnen zu meinem bisherigen beruflichen Treiben und dann ein wenig in mich gehen, welche Dinge ich in meinem Leben vielleicht außerdem noch gern tun würde …

Bei der Vorbereitung auf die freie Zeit wurde mir dann klar, dass mir durchaus eine Reise bevorstand. Eine ziemlich kostengünstige, dafür waren allerdings die Reiseführer eher rar. Eine Reise ins eigene Ich, die so einige Fragen aufwarf, die kein Baedeker beantworten konnte:

Wie ist es, völlig selbstbestimmt über seine Zeit zu verfügen? Gelingt es mir, die Zeit gut und ausgewogen zu strukturieren? Wann stehe ich morgens auf, wenn kein einziges Terminwölkchen am Kalenderhimmel droht?

Schaffe ich es, meine Ausgaben so zu reduzieren, dass ich ein paar Monate von meinem Ersparten leben kann? Was ist, wenn das Auto kaputt geht oder eine sonstige Havarie finanzieller Art meine Pläne umschmeißt?

Kann ich ohne Kantine überleben und mich trotzdem einigermaßen gesund ernähren? Was passiert, wenn ich tagelang ohne soziale Kontakte vor mich werkel. Halte ich das überhaupt aus? Wenn ja, werd ich vielleicht ein bisschen schrullig?

Wie halte ich das mit mir selber aus? Wem werde ich da eigentlich begegnen, wenn ich mich selbst aus dem Geschirr aller Verpflichtungen entlasse? Vielleicht kommt da ja eine Person zum Vorschein, die ich noch gar nicht kenne?

Je länger ich drüber nachdachte, desto spannender fand ich die bevorstehende Reise plötzlich. Und besonders spannend war natürlich die Frage nach der Rückfahrkarte. Die hatte ich ja noch nicht gelöst. Würde ich diese Ungewissheit, wie es dann in einigen Monaten beruflich weitergeht, aushalten können? Schließlich hat über 40 Jahre das Sicherheitsdenken meines gesamten Umfeldes mein Leben bestimmt: ein sicherer Job ist wichtiger als alles andere, als Gesundheit, Glück, Erfüllung. Oder würde mich über kurz oder lang die Panik ergreifen und in die Arme von Arbeitsamt und Stellenbörsen treiben?

Dann stieß ich zufällig auf den Brief, den Rilke vor 111 Jahren an einen jungen Dichter schrieb und in dem er den Empfänger bittet,

Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.

Rilke an Franz Xaver Kappus, 16. Juli 1903

„Lebe die Fragen“ schien mir ein wunderbares Motto für meine kleine Reise und ich beschloss, die vielen Fragen recht lieb zu haben und sie als meine Reisebegleiter mit an Bord zu nehmen.

Und schließlich habe ich doch eingesehen, dass ein Logbuch gar keine schlechte Idee ist. Man muss ja die Terra Incognita nicht akribisch kartografieren, indes finden sich vielleicht ein paar Eilande, die einer Würdigung bedürfen. (Und wenn sie allzu schön sein sollten, erinnert mich das Logbuch hoffentlich daran weiterzureisen.) Unter Umständen tauchen auch ein paar bizarre Seeungeheuer auf und lassen sich zu einem Interview überreden.

Vielleicht finden zukünftige Reisende hier auch ein paar Anregungen und diejenigen, die daheim bleiben wollen, eine unterhaltsame Lektüre.

Und zu guter Letzt: vielleicht hilft dieser Bericht von einer Reise ins Blaue in ein paar Monaten mir selbst, einen neuen Kurs zu bestimmen.

Leinen los!

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Alles Gute für deine Reise. Die Seeungeheuer werden mit sich reden lassen, denke ich, und die Terra incognita manche Überraschung bieten. Halt uns auf dem Laufenden. Liebe Grüße. Robert.

Schreibe einen Kommentar