Alles so schön bunt hier

Gerade ist es ganz schön schwierig, das hungrige Blog regelmäßig mit Beiträgen zu füttern. Natürlich, ich habe jetzt eine 5-Tage-Woche und bin abends auch oft ganz schön erledigt und froh einfach aufs Sofa oder ins Bett fallen zu können. Aber das ist es nicht allein.

Es ist vor allem die Flut an Eindrücken, die sich schier nicht strukturieren lässt. Obwohl ich ja eigentlich ein neugieriger & experimentierfreudiger Mensch bin, merke ich, wie arm an neuen Eindrücken mein Leben normalerweise ist. Jetzt brauche ich ungefähr 2 Stunden, um den Tag wenigstens in groben Stichworten zusammenfassen. Zum Sortieren & Reflektieren komme ich erst gar nicht.

So muss es sein, wenn die Welt noch ganz neu ist und die Hände viel zu klein, um alles zu begreifen. Ich komme mir vor wie Bürokaterchen Karl, für den mit seinen 3 Monaten jede Blüte, jeder Stofffetzen ungeheuer aufregend und Gegenstand gespannter Aufmerksamkeit ist – während die altgedienten Bürokatzen Mika & Momo ein Muster an Gelassenheit & Abgeklärtheit sind. Für Karl ist das Bestattungsinstitut der reinste Abenteuerspielplatz – naja, das kann ich von mir ja schlecht behaupten. Jedenfalls hinterlasse ich nicht so viel Chaos (hoffentlich! ^^).

Karl entdeckt die Welt

Noch eine Erfahrung ist – wenn nicht neu, so doch – fast vergessen. Seit meiner Jugend habe ich so gut wie gar nicht mehr körperlich gearbeitet. Früher gab es die Gartenarbeit und Papas Bauprojekte und in den Ferien auf dem Bauernhof Arbeit im Stall oder bei der Ernte. Seither fast nur Schreibtischarbeit. Das Arbeiten – in der Werkstatt oder beim Transport – fühlt sich ganz anders an. Ständig bin ich in Bewegung. Die körperliche Anstrengung macht müde – und hungrig. Der Körper funktioniert irgendwie viel selbstverständlicher. Mein Rücken meldet sich nicht und Schlafen ist gar kein Problem mehr. (Ja, ich träume manchmal von toten Menschen. Aber diese Träume sind nie angstbehaftet, im Gegenteil!)

Und es fällt mir auch viel leichter, einfach Feierabend zu machen. Früher hatte ich nach Arbeitsende immer das Gefühl, dass der Tag erst anfängt und ich noch irgendetwas „Sinnvolles“ zuwege bringen muss. Jetzt komme ich nach Hause in dem Bewusstsein, etwas geschafft zu haben, etwas getan zu haben für die Verstorbenen, für die Angehörigen. Dann fällt es mir viel leichter loszulassen und nicht noch zu schreiben, Musik zu machen oder etwas anderes zu „schaffen“. Das ist ein ganz ungewohntes Gefühl von Balance.

Und es gibt noch einen anderen „Luxus“, den ich mir gerade leisten darf: ich bin nur die Praktikantin 🙂 Es ist großartig, einfach mal die Verantwortung abzugeben und nur das zu tun, was meine Betreuerin mir sagt. Und obwohl sie erst Mitte 20 ist (so alt wie MEINE bisherigen Praktikanten), genieße ich es, nicht ständig alle Implikationen mitdenken zu müssen, sondern einfach mal nur zu „machen“.

Neben diesen positiven Aha-Erlebnissen gibt natürlich auch andere Erfahrungen. Vor allem die der eigenen Grenzen. Im Hinblick auf die körperliche Leistungsfähigkeit. Beim Umgang mit dem Schmerz und der Trauer der Angehörigen. Beim Anblick der und beim handfesten Umgang mit den Toten. Es gibt Phasen großer Leichtigkeit wie auch Momente am Rande des Erträglichen. Eine ganz neue Form von Erschöpfung.

Es ist im Übrigen gar nicht so einfach, nach Feierabend Ablenkung zu finden. Ich hab mich jetzt schon mehrfach dabei erwischt, so zu tun, als ob ich ein Buch lese – um nach mehreren Seiten festzustellen, dass ich gar nichts vom Inhalt mitbekommen hatte, stattdessen waren Bilder vom Tag vor meinem inneren Auge vorbeigezogen. Tja, wenn die Realität spannender als jede Fiktion ist ….

Habe dann zu den großartigen „Schiffsmeldungen“ von E. Annie Proulx gegriffen, weil ich dachte, dass mich ein Roman über das Leben am Meer am ehesten würde ablenken können. Aber auch da kein Entkommen. Das Buch endete letzte Nacht ausgerechnet mit der Aufbahrung des ertrunkenen Jack Buggit, dem die Witwe seine Logennadel anheften will:

Der letzte Schliff. Beugte sich über ihren toten Mann. Die Nadelspitze zitterte als sie versuchte, durch das Gewebe zu stechen. Ein respektvolles Schweigen der zusehenden Trauergäste. Plötzliches Schluchzen von Beety. Wavey zog sanft an Bunnys Hand. Ein starrer Blick auf die Leiche. Sie wollte nicht kommen, riß sich los.

Ein Husten wie bei einem alten Motor, der startet. Mrs. Buggit ließ die Nadel auf den Satin fallen, drehte sich um und packte Dennis am Arm. Ihre Kehle erstarrt, die Augen wie hölzerne Türknäufe. Wavey zerrte Bunny weg. Dennis war derjenige, der rief:
„Dad ist wieder am Leben!“

Und sprang vor, um seinem Vater dabei zu helfen, aus dem engen Sarg zu kommen.
Ein Gebrüll und Gekreisch. Einige stolperten rückwärts andere sprangen vor. Quoyle schoß aus der Küche, sah einen Knoten von ausgestreckten Armen, die dem grauen Jack in die Gegenwart zurückhelfen wollten, während ihm mit jedem Senken des Brustkastens Wasser aus dem Mund tröpfelte. Und hörte Bunny durchs Zimmer rufen: „Er ist aufgewacht!“

Für Auferstehungen brauche ich sie dann doch noch, die Literatur. An sonstigen Wundern ist das Leben reich genug.

  • E. Annie Proulx. Schiffsmeldungen. Frankfurt am Main 1997.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Ja, ich finde Bürokatzen unglaublich praktisch! Tagsüber nie Langeweile im Büro – und abends hat man seine Ruhe 😀 Das Foto hab ich beim Katzen-Sitting auf dem Balkon gemacht. Aber Karlchen ist das Modeln auch gewohnt, seine Mama ist nämlich Fotografin!

      • Ich muss doch noch einmal auf Karl zurück kommen. Es ist mir ein ernstes Anliegen, gerade im Zusammenhang mit der ehrenwerten und hochgeschätzten Tätigkeit der Praktikantin in diesem Falle. Deshalb darf ich höflichst darum bitten, Kater Karl nicht verniedlichend als „…chen“ und bitte auch nicht als „praktisch“ zu bezeichnen. Wenn diese Welt gerettet werden kann, dann sicher nur durch die Vertreter dieser göttlichen Katzenwesen, von denen wir niedrigen Menschen nur lernen können.

        Mit vorzüglicher Hochachtung

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