„Nich erschrecken …“

Friedhof Stöcken, Hannover

“ … ich arbeite beim Bestatter“ – so hab ich meine Antwort immer eingeleitet, wenn Freunde und Bekannte mich nach dem Inhalt meines Praktikums gefragt haben. Die Sorge war aber ganz unbegründet, die Resonanz war meist sehr positiv und die Neugier groß. Es hat mich verblüfft, wie nachhaltig das Interesse am Thema ist. Nie ging es um Sensationshascherei, die Leute wollten einfach wissen, was genau nach dem Ableben passiert, welche Möglichkeiten es gibt, den Abschied zu gestalten – und haben mir Löcher in den Bauch gefragt. Tabuthema? Zumindest nicht in meiner oder in späteren Generationen, habe ich den Eindruck. Es scheint vielmehr einen großen Bedarf an Informationen zu geben. Und eine Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen!

Bei Trauergesprächen habe ich gesehen, mit welcher unendlichen Zahl an Details sich die Angehörigen befassen, wie viele Entscheidungen sie treffen müssen. Wie gut also, wenn man sich schon vorher mit den Möglichkeiten und Notwendigkeiten beschäftigt. Und dann hoffentlich im Sterbefall den Kopf frei hat für das, auf was es wirklich ankommt: den Abschied von einem geliebten Menschen.

Nach meinem letzten Blogeintrag hat mich meine Mutter angerufen und gesagt: schön und gut, die Angst vor dem Sterben kann man vielleicht lindern oder ganz verlieren – was aber immer bleiben wird, ist die Angst vor der Trennung. Die endgültige unwiderrufliche Trennung von den Menschen, die wir lieben, die uns in unserm Leben begleitet haben.

Ja, so nahe man dem Thema vielleicht kommen kann – diese Angst wird immer bleiben. Ich glaube auch nicht, dass man die eigene, die persönliche Trauer, den Schmerz wird lindern können. Die Angst vor dem Verlust wird immer sein, ganz gleich, ob man geht oder den anderen gehen lassen muss.

Man kann vielleicht aber „Nebeneffekte“ verringern, die einen daran hindern, gut Abschied zu nehmen, die kurze Zeit, die man mit dem Verstorbenen noch hat, ungestört zu erleben. Ich hatte Angst vor den Orten, an denen wir unsere Toten aufbewahren und aufbahren, den Krankenhäusern, Kühlräumen, Krematorien (und hey, das ist wirklich oft nicht schön dort!). Ich hatte Angst vor dem toten Körper, vor dem Verfall, dem Aussehen, den Gerüchen.

Die letzten vier Wochen waren nicht leicht. Und es gab mindestens einen Punkt, an dem ich mir überlegt hab, ob ich mir das wirklich antun muss. Nun bin ich so froh, dass ich mir da selbst mit „Ja“ geantwortet hab. Und dass die Ängste, die einfach nicht sein müssen, viel weniger geworden oder sogar ganz verschwunden sind.

Hier also nun die Frage, die mir nie jemand gestellt hat: „Was war denn am gruseligsten?“

Am gruseligsten war es für mich am Anfang, einen Verstorbenen zu berühren, der gerade aus dem Kühlraum kommt … Kälte habe ich erwartet – aber doch nicht so eine Eiseskälte! Und wenn ich dann mit klammen Fingern versuchte, die winzigen Knöpfe einer Bluse zu schließen oder eine Feinstrumpfhose anzuziehen, dann mochte ich schon mal verzweifeln.

Früher war das vielleicht alles noch einfacher (und schöner), da wurde der Verstorbene gleich nach seinem Tod gewaschen, angezogen und aufgebahrt und am dritten Tag beerdigt. Die moderne Welt ist zu komplex geworden, es dauert alles länger und ist komplizierter. Vielleicht muss man abwarten, bis die Angehörigen zur Trauerfeier vor Ort sein können, evtl. sind für eine Einäscherung bestimmte Bescheinigungen und eine amtsärztliche Untersuchung erforderlich. Es dauert.

Und trotzdem gibt es die Möglichkeit für die Angehörigen, Abschied zu nehmen und den Verstorbenen noch einmal zu sehen oder sogar den Schlüssel zum Aufbahrungsraum zu bekommen und zu jeder Zeit zu ihm zu gehen. Angehörige können auch bei der Versorgung dabei sein, den Verstorbenen selbst waschen und anziehen. Die Möglichkeit wird immer mehr genutzt. Eine Möglichkeit, das Geschehene zu „begreifen“. Und noch einmal für den geliebten Menschen da zu sein.

Ach ja. Ich hielt mich ja eigentlich immer für eher rational und nüchtern. Und jetzt steh ich da und rede mit Verstorbenen. Ich sehe Menschen, die viel zu früh gehen mussten. Die mit aller Kraft gegen den Tod gekämpft haben. Und nach ihrem Tod verschwinden dann mit einem Mal die Spuren des Kampfes in ihrem Gesicht und sie sehen friedlich aus, geradezu schön. Da kann man unter Umständen schon auf den Gedanken kommen, dass das eigene Tun nicht nur für die Angehörigen hilfreich ist, sondern auch noch die Verstorbenen erreicht …

Hände

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Fenja, Du hast einfühlsam und mit Herzenswaerme von Deiner Arbeit erzählt, was Dich tief berührt hat und was Dich bereichert hat. Ich bin sicher, Du hast mit diesen Zeilen anderen geholfen, mit ihren althergebrachten, bedrückenden Ängsten beim Thema Sterben besser umzugehen.

  2. Hallo Fenja,
    auch mir hat Dein Bericht sehr gefallen. danke für diesen berührenden, für mich auch ein wenig hilfreichen Einblick in Deine Arbeit.
    Ich selber habe mich schon oft mit dem Thema Tod und Abschied beschäftigt, auch dem eigenen. Natürlich hoffe ich, wie wohl wir alle, das dieses Ereignis noch in weiter Ferne liegen wird. Aber wer weiß das schon…..
    Deswegen möchte ich alles vorbereitet wissen, wenn es passiert ist. Es ist mir schon wichtig, meine Angehörigen für diesen Fall die Last von notwendigen Entscheidungen zunehmen, zu denen sie in Ihrer Trauer vielleicht nicht so in der Lage sind, wie sie es eigentlich möchten.
    Sei es wie der Sarg aussehen soll, ob man mich im formellen Totenhemd mit Rüschen darin bettet oder meinem besten Kleid (ich habe für zweiteres entschieden), wie die Trauerfeier ungefähr ablaufen sollte, welche Musik vielleicht gespielt werden soll…usw.
    Sich auf diese Weise mit dem Tod zu beschäftigen hat mir geholfen ihn besser zu begreifen und nicht als etwas Abstoßendes zu akzeptieren.
    Der Tod ist Bestandteil unseres Lebens, das sollten wir nicht verdrängen.

    • Hallo Anna, danke, dass Du Deine Gedanken mit uns teilst! Ich glaube es ist gleichermaßen für einen selbst wie auch für die Angehörigen hilfreich, wenn man sich mit der Gestaltung des Abschieds beschäftigt. Für die Angehörigen ist es nicht nur eine Erleichterung, wenn sie viele Entscheidungen nicht mehr treffen müssen. Sie haben dann außerdem auch noch die Möglichkeit, dem Verstorbenen einen Wunsch zu erfüllen, indem sie alles so gestalten, wie er oder sie es gerne wollte.

      Deine Entscheidung bzgl. der Kleidung finde ich sehr schön. Persönlich gefällt es mir auch sehr gut, wenn den Verstorbenen ihre Kuscheldecke oder Lieblingsbettwäsche mit in den Sarg gegeben werden. Es ist eine schöne Geste und wirkt nicht so fremd und steif wie die Standard-Sargausstattung. Ganz rührend war etwa auch die Einbettung einer lieben alten Dame, der die Angehörigen ihre flauschigen Kuschelsocken mitgegeben hatten. Das möchte ich auf jeden Fall auch …. 🙂

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