Interview mit einem Seeungeheuer

So, und nun schreiben wir hundert Mal: Ich darf meinen Kalender nicht bis zum Rand mit Terminen vollstopfen. Ich darf meinen Kalender nicht bis zum Rand mit Terminen vollstopfen. Ich darf meinen Kalender nicht bis zum Rand mit Terminen vollstopfen. Ich darf meinen Kalender nicht bis zum Rand mit Terminen vollstopfen. Ich darf meinen Kalender nicht bis zum Rand mit Terminen vollstopfen. Ich darf meinen Kalender nicht bis zum Rand mit Terminen vollstopfen. Ich darf meinen Kalender nicht bis zum Rand mit Terminen vollstopfen. Ich darf meinen Kalender nicht bis zum …

Hm. In Zeiten von Copy & Paste nicht wirklich sinnreich, so ein Strafaufsatz.

Der geneigte Leser hat sich vielleicht in den letzten Wochen gefragt, wo die versprochenen Blogeinträge bleiben. Die Autorin auch. Und genau das muss hier dann wohl auch mal Thema werden. In den Worten meines ersten Beitrags gesprochen: das Interview mit dem Seeungeheuer steht an.

Auszeit – was heißt das eigentlich? Endlich mal all das machen, zu dem man sonst nie kommt? Allerlei Allotria treiben, zur eigenen Kurzweil und der der anderen? In jedem Fall ein großes Geschenk. Aber eins, mit dem man umgehen können muss. Bei FenjaZ in etwa so, als ob man ihr einen Formel1-Rennwagen für einen Ausflug auf die Schwäbische Alb schenkt … *rrrrruuums*

Alles machen zu können, artet sofort in viel zu viel wollen aus. Und dann ist da keiner mehr, der mich aufhält. Außer meinem Körper, der seit vielen Jahren verzweifelt, aber liebevoll an Präventionsmaßnahmen arbeitet. Nicht besonders erfolg-, aber sehr erfindungsreich. Nun scheint ihm endlich ein Durchbruch geglückt. Praktikum ist vorbei, das erste Konzert steht vor der Tür. Die Erkältung tobt sich noch im Körper aus, aber man kann ja trotzdem durch die Gegend düsen, Leute treffen, Dinge erledigen.

Und dann ist plötzlich die Stimme weg.

Panik bricht aus. Muss ich das Konzert absagen? Nachdem wir monatelang daraufhin gearbeitet haben? Ich kann nichts tun. Sitze da wie das Karnickel vor der Schlange. Unfähig etwas zu tun, mich zu konzentrieren, geschweige denn etwas zu schreiben.

Ein großes Glück, dass ich 2 Tage lang zu meinen Eltern fahren kann, die urlaubshalber im Breisgau sind. Der Wald steht schwarz und schweiget. Ich auch. Mit Eltern geht sowas. Und nachdem alles in meinem Leben so derart in Aufruhr & Umbruch ist, finde ich es irgendwie beruhigend, einmal wieder Campingurlaub zu machen. So wie meine Eltern halt seit 35 Jahren Campingurlaub machen. Leben en miniature und mit festen Abläufen und Ritualen. Damit im kleinen Wohnwagen nix drüber & drunter geht. Und nachts im Nachthemd über den Campingplatz zum Toilettenhaus wandeln, während der Mond durch die Bäume glitzert und der Neumagen vor sich hin rauscht.

Der Stimme geht es langsam besser. Trotzdem fühle ich mich immer noch wie gelähmt. Salzwasser inhalieren und Salbei-Tee mit Honig trinken. Das Rockstar-Dasein hatte ich mir etwas anders vorgestellt.

Schwarzwald - Auf dem Weg auf den Schauinsland

Auf dem Weg auf den Schauinsland

Herbstliches Düsterwetter. Ich lese melancholische Romane und stelle sie einmal wieder, die Frage aller Fragen:

Fragt jemand, was die Liebe ist, so ist sie nichts als ein Wind, der in den Rosen rauscht und dann wieder dahin stirbt. Oft aber ist sie auch wie ein unzerbrechliches Siegel, das das ganze Leben lang dauert, bis zum Tode.

Knut Hamsun, Victoria
(Dank an Agentin M. Eichkätzchen fürs Erinnern an diesen großartigen Roman!)

alex-ich

Vor dem Konzert: Alex mit lässiger Zigarette, während Frollein Zinngeschrei hektisch an ihrem Röhrchen GeloRevoice Kirschgeschmack (no Schleichwerbung intended) rumfummelt.

Irgendwann ist er da, der große Tag. Alles kommt mir völlig unwirklich vor und ich habe nicht die leiseste Ahnung, was da nachher auf der Bühne passieren soll. Mechanisch packe ich meine Sachen zusammen, singe meine Trainingstöne, prüfe die Batterien in meinem Megaphon, appliziere allerlei chemische Grüntöne auf meinem Körper.

Und dann kommt das Wunder: eine tolle Location, ein großartiges Publikum. Die Technik funktioniert, der Sound ist einwandfrei. Alles klappt, einfach alles! Und die Stimme? Tut so, als wüsste sie nichts von Heiserkeit oder Funktionsstörungen. Mordsgebrüll. Und irgendwie so überhaupt nicht anstrengend. Schon seltsam!

Es dauert dann natürlich so 48 Stunden, bis die Endorphine und das Adrenalin wieder aus den Blutbahnen rausgespült sind. Aber nun ist definitiv Zeit für ein Interview!

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[Ich sitze etwas nervös am Ufer und vergrabe meine Hände im Sand, während das Seeungeheuer gemütlich im flachen Wasser lümmelt und hin & wieder eine kleine Fontäne in die Luft prustet.]

Ich: Ähm, danke, dass Sie sich heute die Zeit nehmen, ein paar Fragen zu beantworten!

Ungeheuer: keine Ursache, so nervös zu sein. Ich habe gerade ein paar Sirenen mit Stimmbandentzündung verspeist, es besteht also in den nächsten Stunden keine akute Gefahr.

Ich [erleichtert]: da bin ich aber beruhigt! Wie Sie wissen, bin ich ja schon seit vielen Jahren auf Flüssen, Seen, Weltmeeren unterwegs & momentan auf einem richtig großen Törn. Das Problem: kaum bin ich mal in einem netten Hafen, zieht es mich gleich wieder hinaus aufs offene Wasser. Und dann denk ich oft nicht dran, meine Zwieback- und Wasservorräte aufzufüllen. Schlafen kann ich draußen auch nicht, weil ich meistens allein unterwegs bin. Und irgendwann gehen mir dann die Kräfte aus. Haben Sie vielleicht eine Idee, warum das so ist?

Ungeheuer [prustet belustigt]: Hahahaa, Kindchen, da merkt man, dass du deinen Radar selten in die Fluten hältst. In unseren Unterwasser-Kreisen ist das längst ein running gag. Das war nämlich so: kurz nach deiner Geburt ist eine von diesen giftgrünen Nixen, die immer nur Unheil im Schilde führen, um deine Wiege rumgehopft und hat schadenfroh gelispelt: „mögest du ein maximal interessantes Leben führen!“ Tja, und da war es dann aus mit der Ruhe. Seitdem kichern hier sogar die Krabben, wenn du mit Mach 2 übers Wasser fegst.

Ich: ach du Schande, das erklärt natürlich einiges. Gibt’s denn da irgendwelche Gegenmaßnahmen?

Ungeheuer: hmmm, so’n Nixenfluch ist kein Seepferdchenhof …

Ich: … hab ich auch schon gemerkt …

Ungeheuer: … aber man könnte sich ein paar Dinge vorstellen. Ich empfehle, den Raketenantrieb an deinem Schiff durch ein Häwelmann-Hemdchen zu ersetzen. Dann gibt es einen Reiseführer „1001 unwiderstehliche Häfen mit saumäßig weichen Betten“, den du dir besorgen solltest. Und jeden Mittwoch findet hier hinter dem Korallenriff der Kurs „Unterwasser-Qi-Gong für gestresste Privatiers“ statt.

Ich: … hmmm …

Ungeheuer: Da wärst du auch selber drauf gekommen, wolltest du sagen?

[Das Ungeheuer grunzt gereizt – und bevor ich noch „danke fürs Gespräch“ sagen kann, taucht es ab zu seinen Spießgesellen, die während unserer Unterhaltung einige überambitionierte Blogschreiberlinge, Weltdurchdringer & Steckenpferdzüchter verzehrt haben. Anscheinend hat es wieder Hunger …]

The Chemical Scourge

The Chemical Scourge live @Klirrbar, Offenbach, 10.10.2014

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