Tokonoma

„Have nothing in your house that you do not know to be useful, or believe to be beautiful.“

William Morris

Zum Thema Entrümpeln habe ich ja bereits das ein oder andere angemerkt. Unter anderem, dass es eine mannigfaltige Auswahl an Ratgebern und Blogs gibt, die so unterhaltsam zu lesen sind, so dass man nicht in die Verlegenheit kommt, tatsächlich aufräumen zu müssen.

Im Wesentlichen drehen sich diese Ratgeber um folgende Themen:

  • Warum viel Besitz nicht glücklich macht und welchen Gewinn man daraus ziehen kann, sich von ihm zu trennen.
  • Mit welchen Strategien man der Gerümpelflut Herr werden kann.
  • Wie man das Zeug am besten entsorgt oder einer neuen Verwendung zuführt.
  • Wie man durch Digitalisierung von Papieren, Fotos, Büchern, Musik etc. Platz sparen kann.

Aus der Reihe tanzt da „Magic Cleaning“, ein Buch der Japanerin Marie Kondo, die durchaus der Meinung ist, dass Besitz glücklich macht. Und zu diesem Behufe konzentriert sie sich auf die Dinge, die einem wichtig sind und die man behalten will – nicht auf das Überflüssige, das raus muss.

Eine kleine Änderung der Perspektive mit großer Wirkung, stelle ich bei meinem aktuellen Entrümpelungsanlauf fest. 3 Paar Overknee-Stiefel warten bei ebay gerade auf ihren neuen Besitzer. Das eine Paar, das optisch einfach perfekt ist und mir wie angegossen passt, bleibt hier und wird nun wesentlich öfter und mit mehr Begeisterung getragen. (Es ist Herbst. Hurra!)

Ist das nicht eine tolle Vorstellung? Ein Kleiderschrank nur mit Lieblingskleiderstücken? Oder ein Küchenschrank mit schönem Porzellan und wenigen, aber ultrapraktischen Gerätschaften? Besitz, der glücklich macht.

Manche Ratschläge von Madame Kondo mögen seltsam bis esoterisch anmuten, wenn man in der westlichen Welt aufgewachsen ist: sie empfiehlt unbedingt, die Dinge zu berühren, wenn man entscheiden will, ob man sie behalten sollte. Kann man für bescheuert halten oder einfach mal mit einem Regalbrett voller Bücher ausprobieren, die man aussortieren will. Erstmal einfach nur die Titel lesen. Und dann im 2. Anlauf jedes Exemplar in die Hand nehmen.

Richtig abgefahren wird es, wenn sie vorschlägt, mit den Besitztümern zu sprechen. Warum hab ich dich gekauft? Hast du mir das gebracht, was ich mir von dir versprochen hab. Bringst du mir das immer noch? Wenn kein Nutzen oder Gewinn erkennbar ist, bedankt man sich bei den Dingen und verabschiedet sie in die Freiheit.

Mit charmanter (manchmal etwas nerviger) Naivität behauptet die Autorin, dass jeder Gegenstand sich nützlich machen möchte und darunter leidet, wenn er in der Ecke verstaubt und nur Platz wegnimmt. Das Weggeworfenwerden wird dann als Erlösung empfunden. So spart sie sich elegant ellenlange Ausführungen zu der Frage „wohin mit all dem Krempel“ – während mein Entrümpelungsprojekt ständig wieder an dem Punkt „politisch korrekte Entsorgung“ hängen bleibt … (Von der Seelenwanderung der Dinge, die dann irgendwann in neuer Gestalt mit höherem Nutzwert wieder auftauchen können, wollen wir hier lieber mal schweigen …)

Genauso darf und soll man natürlich mit den Dingen reden, die bleiben. Marie Kondo hat sich ein hübsches Ritual ausgedacht, mit dem sie ihre Wohnung begrüßt, wenn sie abends heimkommt, und sich bei den Dingen bedankt, die täglich treue Dienste leisten. OK, beim ersten Lesen fand ich das etwas schräg, aber ja länger ich drüber nachdachte, desto einleuchtender. Je mehr Gerümpel wir haben, desto weniger Wertschätzung bringen wir den einzelnen Gegenständen entgegen. Wenn wir ihren Nutzen und Wert anerkennen, gehen wir achtsamer mit ihnen um, pflegen sie mehr und haben entsprechend länger etwas von ihnen. (Die Batterie von Stiefeln regelmäßig zu putzen, die noch vor kurzem meine Schränke bevölkert haben, war zum Beispiel ein Ding der Unmöglichkeit.)

Mich hat schon immer die Schlichtheit traditioneller japanischer Wohnräume fasziniert. Und ich hab jetzt erst rausgefunden, wie ich dies in meiner eigenen Wohnung umsetzen kann, ohne Reisstrohmatten zu verteilen und einen Ikebana-Kurs zu besuchen. Anstelle in jedem Eckchen und auf jeder freien Fläche irgendwelchen Zierrat zu drapieren, hab ich mir einen zentralen Platz gesucht, einen „Schrein“ oder „Tokonoma“, wie ihn die Japaner nennen. Hier stelle ich je nach Jahreszeit meine jeweiligen Lieblingsstücke auf, Blumen oder Zweige bzw. Dinge, die mir aktuell etwas bedeuten und an die ich mich erinnern möchte. Wenn die Deko wechselt, verschwinden die nicht mehr benötigten Stücke wieder in der Schublade. Hat auch den Vorteil, dass man nur noch seeehr wenige Weihnachts-, Oster- und sonstige Deko-Kartons benötigt. Viel passt ja nicht rein, in den Deko-Schrein.

Der Effekt ist ein ähnlicher wie bei der Stiefelsammlung: während mich die Vielzahl an Deko-Elementen früher optisch völlig überfordert hat und ich im Grunde die einzelnen Dinge, die um Aufmerksamkeit wetteiferten, gar nicht mehr wahrgenommen hab, steh ich jetzt jeden Tag vor meinem Tokonoma und freu mich dran. Ansonsten darf das Auge sich ausruhen …

Aktuell in meinem Tokonoma

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