Der Tod, der Zufall, Paisley und die Bucket List

Warum ist der Tod in unserer Gesellschaft ein solches Tabu? Darauf gibt es vermutlich einige Antworten. Eine mir plausible findet Harald Welzer („Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“. Frankfurt 2013), der Wachstum als das Paradigma unserer Gesellschaft schlechthin kritisiert, den unerschütterlichen Glauben an ein „Immer mehr“ und „Immer besser“. Der Tod, so Welzer, ist die „ultimative Konsumverweigerung“. Und er führt vor Augen, dass dem Wachstum, der kontinuierlichen Weiterentwicklung eben doch Grenzen gesetzt sind. Da will dann keiner mehr hinsehen. Spätestens seitdem nach Zusammenbruch des Kommunismus der Konsumismus als alleinseligmachende Ideologie die Welt beherrscht.

Und doch gibt es ein sehr populäres Phänomen, das den Tod bereits im Namen führt: die Bucket List. Eine Liste von Dingen, die man noch tun will, bevor man den Löffel abgibt oder eben – mit einer englischen Redewendung – den Eimer tritt („kick the bucket“). Bekannt geworden ist das Konzept durch den Feel-Good-Movie „The Bucket List“ (deutsch: „Das Beste kommt zum Schluss“), in dem zwei krebskranke Männer, ein weißer Milliardär und ein schwarzer Automechaniker, gemeinsam eine solche Liste erstellen und abarbeiten. Ein Teil der Ziele ist sehr ressourcenintensiv, wie gut, dass der Milliardär die Mittel und einen Privatjet hat, um weite Reisen, Fallschirmsprünge, Großwildjagden etc. zu realisieren.

Der andere Teil hat natürlich mit den emotionalen Bedürfnissen der Protagonisten zu tun, diese Ziele sind nicht so geradlinig und mit Hilfe finanzieller Mittel zu erreichen, sondern nur auf Umwegen und mit Hilfe von Zufällen. Am Ende ist es die Liebe: die Aussöhnung mit Ehefrau beziehungsweise Tochter, die zwar so nicht auf der Bucket List stand, aber zu einem gelungenen „Abschluss“ des Lebens – und des Films – führt.

Memento mori: früher mündete die Betrachtung der Endlichkeit des Lebens unweigerlich in die Frage nach seinem Sinn. Und die Antworten fielen je nach Kontext aus: die Liebe zu Gott, die Liebe zu anderen Menschen, soziale Beziehungen, menschliches Miteinander. Letztlich landen die Protagonisten des Films ebenfalls an diesem Punkt, allerdings erst nach einem CO2-intensiven Umweg über die Bucket List. Und genau die ist anscheinend hängen geblieben bei der Generation Selbstoptimierung.

„Fuck it, ich will leben, leben, leben: hier ist meine Bucket List!“ Nein, hier spricht kein auf den Tod Erkrankter, sondern eine junge kerngesunde Frau in ihrem Reiseblog, und sie weiß auch genau, warum man eine Bucket List braucht:

Eine Lebenstraumwunschliste…

  • erinnert dich an dein ganz eigenes persönliches Warum – warum du hier auf dieser Welt bist, was dein Sinn ist.
  • motiviert dich ein geiles Leben zu führen.
  • lässt dich klar über deine Träume zu werden.
  • zeigt dir wer du bist.
  • gibt dir ein sensationelles Gefühl, wenn du Dinge darauf abhaken kannst.

Auch ihre eigentliche Bucket List ist durchaus lesenswert, aber wegen der Überlänge hier nicht zitierbar. Ehrlich gesagt würde allein die Zahl der Einträge bei mir Beklemmungen auslösen, selbst wenn ich noch weitere 50 gesunde Lebensjahre gewiss hätte (und wer mag das schon annehmen), ausreichende finanzielle Mittel sowieso mal vorausgesetzt. Miss Fuck-it ist nicht allein, es gehören anscheinend zum guten Ton, solche Liste nicht nur zu führen, sondern sie auch auf Plattformen wie bucketlist.net mit anderen zu teilen. Da kann man dann sich von den Zielen anderer „buckaroos“ inspirieren lassen, sie kommentieren und sich gegenseitig Tipps für die Umsetzung geben. Und die weniger Fantasiebegabten können die Hitliste der Top-Ziele studieren. Mit Abstand auf Platz 1 – erstaunlicherweise – „das Polarlicht sehen“ (Leute, das ist doch kalt da!) , gleich danach der fast sprichwörtliche Fallschirmsprung. Ebenfalls in der Top Twenty eher konventionelle Ziele wie „heiraten“ und „ein Haus bauen“ und auf Platz 12 – wer hätte das gedacht – „Blut spenden“ („Before I die I want to …. donate blood.“)

Drollig, dachte ich mir. Was machen diese Menschen, wenn ihr Leben dann nicht ausreicht, um die Liste abzuarbeiten? Wenn sie krank werden oder die Umstände beziehungsweise die finanziellen Mittel es nicht erlauben, dass sie auf Elefanten reiten oder den Himalaya besteigen? Gibt es einen Bucket Burnout? Reicht es eigentlich nicht aus, dass wir uns im Berufsleben ständig optimieren müssen, müssen wir das gleiche mit unserer restlichen Lebenszeit tun?

Bis mir siedendheiß ein- und auffiel, dass ich ja selbst schon seit meiner Jugendzeit eine Bucket List besitze. Sie ist allerdings recht kurz (3 items) und ist seit 2 Monaten (September 2014) abgehakt.

1. In einer Stadt leben, in der es eine Schokoladenfabrik gibt. Check! (2001) Es gab da wohl irgendein Bilderbuch, das solche Lebensumstände erstrebenswert erscheinen ließ. Ja, ich finde es immer noch fein, am frühen Morgen den Duft warmer Schokolade zu schnuppern, wenn der Wind richtig steht. Und im Sommer muss man unbedingt auf der Terrasse des zugehörigen Cafés sitzen und den bezaubernden Blick ins Aichtal wie auch die ebenso bezaubernde Speisekarte mit ihren zahlreichen Schoko-Gerichten genießen! (Wer keine Schokolade mag, wählt stattdessen „Arme Ritter“ (sic!).)

2. In einem Bett schlafen, von dem aus man den Sternenhimmel sieht. Check! (2004) Keine Ahnung wie dieser Punkt zustande gekommen ist, jedenfalls fand ich Glasdächer und -kuppeln schon immer höchst anziehend. Dann waren es allerdings „nur“ zwei große Dachfenster, die mir jede Nacht die Sternbilder neu rahmten. Anfangs fiel es mir tatsächlich schwer einzuschlafen – weil ich einfach die Augen offen halten musste. Irgendwann habe ich dann festgestellt, dass nicht nur die offenen Augen, sondern auch die sommerliche Hitze unter der Dachschräge meinen gesunden Nachtschlaf empfindlich beeinträchtigte. Das Bett wurde reloziert und jetzt sehe ich den Sternenhimmel nur noch, wenn ich auf dem Balkon herumlungere oder in der Badewanne liege.

3. Ein Kleidungsstück mit Paisley-Muster. Check! (2014) Dass das so lange gedauert hat, obwohl Paisley schon seit einigen Jahren wieder schwer in Mode ist, lag vermutlich an den ungenügend spezifizierten Anforderungen. Ich verdächtige ein Halstuch meines Großvaters, diesen Wunsch aus der Taufe gehoben zu haben. Er trug doch tatsächlich noch Halstücher. Sie waren aus seidigem Stoff, ähnlich wie Krawatten, nur viel breiter, und sie wurden in den Hemdkragen hineingesteckt. Sehr dezent und so viel stylisher als ein Schlips, ein Kleidungsstück, das bei mir immer unwillkürlichen Lachreiz auslöst. Eines dieser Halstücher hatte ein Paisley-Muster in grünblaugoldenen Tönen und genauso musste mein Traumkleidungsstück natürlich auch aussehen. Gefunden habe ich es dank meiner aufmerksamen Mutter, die mich in einem Schwarzwaldstädtchen zu einem Laden führte, der einen Paisley-Schal in genau diesen Tönen hatte. (Im übrigen habe ich nie aktiv die Erreichung meiner Bucket-List-Ziele verfolgt, irgendwann haben sie sich einfach eingestellt.)

Jetzt ist meine Bucket List also abgehakt. Mission completed. Und nun? Kann ich in aller Seelenruhe dem Tod entgegen sehen … War das denn schon alles? Ehrlich gesagt, ich bin ganz dankbar, dass ich nicht mehr Items auf meiner Liste hatte. Ich wäre sonst vielleicht so konzentriert aufs Abhaken gewesen, dass der kleine Kobold Zufall gar keine Möglichkeit gehabt hätte, an völlig unerwarteten Stellen mal eben reinzugrätschen. Zum Beispiel, als ich gefragt wurde, ob ich einem Musikprojekt meine Stimme leihen will – nur weil ich an der richtigen Stelle dumm rum stand (aber ohne vorher diese Möglichkeit je konkret in Betracht gezogen zu haben). Zur richtigen Zeit am richtigen Ort – unter diesem Motto kann ein großer Teil meines beruflichen und privaten Lebens subsumiert werden. Zuweilen hat mich dieser Mangel an strategischer Planung bekümmert. Mittlerweile finde ich es aber doch viel spannender, ohne Plan und offen für alles durchs Weltgeschehen zu marschieren und zu schauen, welche Überraschungen das Leben noch für mich bereit hält.

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