Helden des Alltags

Die Kür in der Kunst der Entrümpelung und für viele Menschen anscheinend ein heikles Thema: die Trennung von Erinnerungsstücken. Und so wird dann manche gute Stube (mit Wilhelm Raabe) zum „Zaubererinnerungsraum“, zu einem kleinen Privatmuseum, in dem schlimmstenfalls die Vergangenheit Oberhand über die Gegenwart gewinnt.

Diese Dinge zu entsorgen, ist für manche gleichbedeutend mit einer Beschädigung der Beziehung zu dem Menschen, an den der Gegenstand erinnert. Auch hier wissen die Vademecums für Krempelgeplagte Rat: etwa sich nur einen Gegenstand aussuchen, der an eine Person, einen Urlaub o.a. erinnert. Von Tante Ernas Kaffeeservice, das man nie benutzt, nur eine Tasse behalten, den Rest zum Polterabend mitnehmen. Oder die Dinge fotografieren, bevor man sie entsorgt, und in ein (virtuelles?) Fotoalbum kleben.

Obwohl ich ja anscheinend eine gute Angriffsfläche für Sammelwutviren in unterschiedlichsten Mutationen (Bücher, Schuhe, Blumenübertöpfe) biete, bin ich erstaunlich immun gegen Erinnerungsstücke. So sehr, dass es mich fast schon beunruhigte und ich mich in meiner Wohnung auf die Suche nach solchen machte.

Doch, doch, ich fand ein paar „antike“ Gegenstände, die mir lieb & teuer sind. Spannend nur: sie erinnern mich fast alle nicht an eine bestimmte Person, sondern auf eher unbestimmte Weise an meine Vergangenheit bzw. die meiner Familie. Und sie sind allesamt noch in Gebrauch. Und sollten sie mal kaputt gehen, werden sie ziemlich fix im Mülleimer landen, fürchte ich. So freu ich mich aber jedes Mal, wenn ich sie in die Hand nehme. Grund genug für eine kleine Würdigung an dieser Stelle:

toepfeKochtöpfe:
Die hab ich vor 27 Jahren bekommen, als ich mein erstes eigenes Domizil bezog, ein Studenten-Appartment in Berlin-Wedding, 12 Quadratmeter einschließlich Nasszelle und Kochecke. Wie oft diese geplagten Rezeptakel Nudeln mit Tomaten-Thunfisch-Soße zubereiten mussten, darüber schweigt des Koches Höflichkeit. Heute koch ich noch fast Tag damit, aber die Speisen variieren etwas mehr (und Thunfisch wurde leider von Speisezettel verbannt). Die Schrauben an den Griffen sind immer wieder lose und müssen regelmäßig nachgezogen werden.

handtuchHandtuch:
Ein Konfirmationsgeschenk in seiner ganzen scheußlichen Pracht: braune Rosen auf beigem Untergrund! Einziges Überbleibsel aus einer ganzen Batterie von Handtüchern, die ich zu diesem Anlass bekommen habe. Plus: ein paar Bücher mit vorwiegend religiös gefärbten Inhalten oder Pferdegeschichten. Plus: schnöden Mammon! Gut 300 Deutsche Mark, die von meinen Eltern noch mal etwas aufgestockt wurden, damit ich mir einen monströsen HiFi-Turm kaufen und meine DJ-Karriere beginnen konnte! Den HiFi-Turm gibt es schon lange nicht mehr, aber das Handtuch leistet noch gute Dienste beim Trocknen von Handwäsche u. dergl.

schuberPappschuber:
Dieser Schuber stand, so lang ich mich erinnern kann, in einem Schränkchen in unserem Flur und beherbergte Stadtpläne. Vor meiner Zeit war da mal Röntgenfilmmaterial drin. In der Arztpraxis in unserem Haus wurde tatsächlich nach allen Regeln der Kunst geröntgt und meine Mutter war die Herrin über dieses Verfahren. Zahllose Knöchel, Handgelenke, Ellenbogen sportlich überambitionierter Internatsschüler mussten vor ihre Linse. Und anschließend hat sie die Aufnahmen in einem winzigen Labor-Räumchen selbst entwickelt. „Dev. before 5.1967“ sagt der Stempel an der Unterseite. Wenig später hat sie dann auch damit begonnen, mit viel Geduld mich zu entwickeln, bis ich im Mai 1968 mit einiger Verspätung geruhte, dem Entwicklerbad zu entsteigen und so ihrer Karriere als Röntgen-Fotografin ein Ende machte. Heute ist der kleine Schuber immer in meiner Griffweite und enthält – leider viel zu selten benutzte – Wanderkarten vom Schönbuch.

topflappenTopflappen:
Diese bescheidenen Gesellen sind so derart unscheinbar, dass es trotz Hilfe der Familienhistorikerin nicht gelang, ihren Ursprung zu identifizieren. Ich mutmaße, dass sie aus einem großelterlichen Haushalt stammen und dort irgendwann durch irgendwelche Teflon-beschichteten Kraftbolzen ersetzt wurden. Und so sind sie in meiner Küche gelandet, wo sie mich bisher zuverlässig vor schlimmeren Verbrennungen bewahrt haben.

federhalter

Federhalter:
Hier nun weiß ich genau, wer damit geschrieben hat: mein Großvater nämlich, der mit großer Akribie und schwer leserlicher Schrift die Krankheitsgeschichten seiner Patienten auf Karteikarten festhielt und den als Unterschrift fungierenden expressiven Schlenker unter seine Rezepte setzte. In seiner verwinkelten Praxis gab es nicht nur eine Dunkelkammer, sondern auch die „Beethoven-Klause“. Das war ein kleines Kämmerchen, in dem neben dem Schreibtisch mitsamt ausgefallenen Schreibutensilien auch ein Plattenspieler stand. Wenn er mit seinem Beethoven allein sein wollte, frönte er dort dem Musikgenuss – auch wenn im großen Wohnzimmer Anlage und Akustik vermutlich viel besser waren. Das 5. Klavierkonzert war sein liebstes. Als ich dann selbst einen Plattenspieler besaß (siehe oben), hab ich mir schon mal die sämtlichen Klavierkonzerte und -sonaten mit Friedrich Gulda aus dem Allerheiligsten gemoppst. Bis heute ist Beethoven mein Lieblingskomponist geblieben.

Hornbrillencharme der 60er: eine Aufführung von Ludwig van Beethovens 5. Klavierkonzert mit Friedrich Gulda und den Wiener Philharmonikern

Soweit das kleine Pantheon meiner „Helden des Alltags“ (so betitelt das hiesige Museum für Alltagskultur liebevoll seine Ausstellungsstücke). Danke dass ihr für mich da seid! Und Dank an meine Mutter für die Unterstützung bei den familienarchäologischen Arbeiten für diesen Beitrag 🙂

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Entrümpelungsschwester,
    da wir uns gerade im Synchronräumen übten, lese ich Deinen Artikel mit Hochgenuss. Wohlweislich (wie schreibt man das eigentlich?) , ohne nicht unerwähnt zu lassen, dass sich das Sammeln nicht nur auf die „Helden des Alltags“ erstrecken kann, sondern auch auf „fast vergessene deutsche Wörter“ (auf den Gesichtsbuch-Seiten zu finden) wie „Kaltmamsell“ oder „heißer Feger“. Wer also eine Sammlernatur ist, der sammelt, wo auch immer sich eine Gelegenheit bietet.
    Wir sammeln ab sofort besondere Lebensmomente, oder?
    Mit wesentlichen Grüßen
    Anette

  2. Wörter sammeln ist ein prima Ersatz für Briefmarken, Koprolithen, Meißner Porzellan oder was man sonst noch früher so sammeln mochte … Ich hab da auch so ein paar, zB „unbotmäßig“ mag ich sehr. Werde mal reinschauen in die genannte Seite. Ich sammel aber auch mit Freude Neuschöpfungen, und „Entrümpelungsschwester“ find ich mal ganz großartig. Man fühlt sich gleich weniger allein in Anbetracht des immer noch riesigen Berges 🙂

    Lebensmomente sind ohnehin das wertvollste Sammelgut (und sie gehen nicht so leicht kaputt wie Meißner Porzellan).
    Mit dankbaren Grüßen
    Fenja

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