Digital Detox und der Anti-Youtube-Fisch

Ich war urlaubsreif, unbestreitbar. Hätte nicht gedacht, dass eine Auszeit so anstrengend sein kann. Mein CFO genehmigte 10 Tage an der Ostsee. In einem nicht ganz so lichten Moment dachte ich, vielleicht bräuchte ich ja auch mal eine Auszeit von der Technik. Digital Detox? Och nö. Glücklicherweise habe ich die Idee schnell wieder verworfen. Ebenso wie einen Verzicht auf Rotwein und Schokolade. Ostsee Ende November ist an sich schon genug Detox.

Mein kleiner smarter Freund durfte also mit. Allerdings habe ich erstmal rausgefunden, wie man den Flugmodus aktiviert. Wenn ich die unendlichen Weiten des Weststrands fotografiere, muss ich ja nicht gleichzeitig erfahren, wie viele neue Benachrichtigungen ich bei Facebook habe und wie hoch meine Telefonrechnung ist.

Die wichtigsten Apps

Die Kamera. Das meiste habe ich mit der Spiegelreflex fotografiert, mit viel Muße & Hingabe. Es wurde ja auch niemand ungeduldig, wenn ich mal eine halbe Stunde neben einem Pilz gehockt habe. Aber wenn es schnell gehen musste – oder ich ein paar Impressionen brauchte, um den Lieben daheim verständlich zu machen, dass der Urlaub hier kein eiskalter Irrsinn, sondern eine fantastische Angelegenheit ist -, hab ich die Handy-Kamera gezückt.

WhatsApp. Statt Postkarten. Allen mal schnell mitteilen wie gut es mir geht. (Hab tatsächlich nur noch 2 Old-School-Postkarten verschickt.) Und um kommunikativ nicht aus der Übung zu kommen. Hier vergingen gern mal ein paar Tage, in denen ich nur mit dem Wind geredet habe.

E-Book Reader. Der Lektürestapel war diesmal immerhin zur Hälfte virtuell. Weniger Geschleppe. (Und ich habe mir das Gesamtwerk von Theodor Storm für EUR 1,49 runtergeladen. Wenn’s das doch schon vor 35 Jahren gegeben hätte, dann hätten meine Eltern bei den Camping-Urlauben meine Lektüre nicht kontingentieren müssen!)

Regenradar. Zum Timing von Spaziergängen ganz unschätzbar. Nass werden ist zu dieser Jahreszeit und bei dem Wind nicht witzig.

Evernote. Mein Notizzettel-Programm hat wie immer getreulich alles festgehalten, was mir so ein- und aufgefallen ist. In Verbindung mit der Spracherkennung eine Wunderwaffe.

Legacy Stuff

Habe doch tatsächlich noch mein CD-Radio mitgeschleppt (immerhin MP3-fähig). Hm, hätte vielleicht auch mit Handy und kleiner Lautsprecher-Box funktioniert. Aber kann man gleichzeitig diktieren und Musik hören auf seinem Handy? Dann natürlich noch ein Haufen richtiger Bücher zum Blättern, Streicheln und Dranriechen. Und ein großer Stapel Papier plus ein paar von diesen tollen Kugelschreibern mit der ganz feinen Spitze.

Was habe ich vermisst

Eine Tastatur! Wo ist die „copy & paste“-Funktion bei diesem blöden Papier? Mir ist jetzt erst aufgefallen, wie sehr ich mir angewöhnt habe, ins Unreine zu formulieren und dann erst zu ändern oder umzustellen, bis alles stimmt. (Wie gut, dass ich dieser Tage keinen Abitur-Aufsatz mehr schreiben muss.) Und irgendwie musste ich die ganzen Ergüsse ja auch ins Handy bekommen. Also habe ich meine Aufschriebe diktiert (definitiv eine gute Übung für klares Artikulieren). Und von hohem Unterhaltungswert: hab mich manchmal scheckig gelacht über Googles Interpretationen meines Genuschels. Am besten gefiel mir der Anti-Youtube-Fisch. (Gemeint war eigentlich „antiutopisch“. Was muss ich aber auch im Urlaub so gesellschaftskritische Bücher lesen.)

Meine Lektürenotizen habe ich nämlich auch gleich diktiert, anstatt sie irgendwo hinzukritzeln. Glücklicherweise hatte ich den durchzuarbeitenden Wä/elzer als Paperback dabei. Gleichzeitig ein Buch lesen und Exzerpte diktieren wär wohl mit nur einem Handy etwas schwierig gewesen.

Gar nicht vermisst

Facebook. Nur 2 Logins in 10 Tagen. Ohne Worte.

Geschreibsel

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