Drifting through Paradise

Als ich ankomme, ist es fünf und tintenfassschwarze Nacht. In der kleinen Gärtnerei ist niemand mehr. Ich fahre den Weg, der zwischen den Gebäuden rein führt, und warte geduldig, bis sich ein Karnickel bequemt, zur Seite zu hoppeln. Ja, da ist ein Haus, aber der Pfad zur Haustür scheint wenig begangen, zugewachsen. Irgendwo ein schwacher Lichtschimmer. Wohnt hier überhaupt noch jemand? Als ich schon verzagt den Rückzug antreten will, höre ich es aus dem Dunkel fröhlich rufen: die Wirtsleute kommen von der Arbeit heim.

To the Beach

Darsser HaustürWie spannend: aufzuwachen und eigentlich gar nicht zu wissen, wo man ist. Im Rückwärtsgang entdecke ich meine Bleibe. Hinter einer fröhlich bunten Tür … unter einem behaglichen Reetdach … nur ein paar Schritte entfernt von einem sanften Kiefernwald. Zum Strand nur wenige Minuten. Bei den Dünen eine Geisterstadt, geschlossene Restaurant, verrammelte Buden. Ich stelle mir die hektische Betriebsamkeit und die Menschenmassen an Sommertagen vor. Jetzt ist nur eine einzige Bude geöffnet, ein Schild wirbt für Kaffee für einsfuffzich und dahinter starren mich dunkle Gesichter an. Von Hexen, Eulen, Kobolden, unbeholfen in rohe Baumstämme gehauen. Aus einem Radio tönt die Stimme von Mr Probz. Und eine schwarze Fellkugel mit kritisch-gelben Sehschlitzen überwacht das alles. Wenige Schritte weiter und ich stehe am fast menschenleeren Strand … slowly drifting … beinahe einfarbig, Sand, Meer, Himmel. Nur der Kiefernwald zieht ein dunkles Band durchs sanfte Grau … wave after wave … Der Strand scheint endlos. Die wenigen Menschen, die mir begegnen, halten den Kopf tief gesenkt. Bernsteinsucher. Wo doch der weite Horizont so viel kostbarer ist, denke ich. Nur eine Möwe schreitet hocherhobenen Hauptes am Wasser entlang – so gravitätisch, wie es denn eben mit einer toten Flunder im Schnabel möglich ist.

Grau in Grau

Anheimelndes

sofaHier heimelt einen so ziemlich alles an. Meine Wohnung direkt unterm tief herabgezogenen Reetdach, unter dem nachts die Marder toben. Unter einem für die Gegend typischen Dachzeichen, das alles Unheil fernhält. Ganz mit Holz verkleidet ist mein Zimmer und wenn man hereinkommt und der Elektroofen leise knackt, dann riecht es ein bisschen nach Sauna. Das kleine aus der Mode gekommene Ledersofa, auf dem ich schon einen Stapel Bücher verschlungen und unzählige Seiten vollgekritzelt habe. Dahinter auf einem Bort eine kleine aber feine Bibliothek mit vielen Krimis (mein mitgebrachter Bücherstapel hätte nie gereicht). Ein kleiner Blumentopf als Willkommensgruß, den mir meine Wirtsleute aus ihrer Gärtnerei mitgebracht haben.

Teeschale

kaeptnDirekt gegenüber die wohl kuscheligste Gaststätte der Welt, die Teeschale. Die Wände außen dunkelrot und innen tiefblau, mit altem schlichten Mobiliar eingerichtet. Und die Bio-Gerichte von Tofu-Soljanka bis zum norwegischen Zimtkuchen füllen jede hypothetische Leere, die der Fremdling wohl noch fühlen mag. Nebenan geht es weiter mit dem Darß-Museum. An der Kasse sitzt gleich ein ganzer Klüngel aus dem Dorf und hält ein Schwätzchen bei Kaffee und Keksen. In bunter Folge lerne ich was über die Schätze am Meeresgrund, Heimatkünstler, Harzgewinnung, Seenotrettung, Badekultur, Darßer Haustüren, Flora und Fauna. Und werde ermahnt, den Urlaub zu nutzen.

urlaub_nutzen

Ein mystisch-manischer Trip

Auch wenn gefühlt dreiviertel aller Restaurants geschlossen sind, bleiben doch noch mehr, als ich besuchen kann und will (soll). Genügend Exotisches ist dabei, so dass keine Langeweile aufkommt. Wie etwa das indische Restaurant (irgendwie lande ich auf allen meinen Reisen irgendwann in einem indischen Restaurant, sogar in Sankt Petersburg war ich indisch essen). Um dort hinzukommen, wandere ich geraume Zeit durch Wohngebiete. Nur die Straßen erinnern daran, dass man vor 25 Jahren noch eine Zuteilung brauchte, um hier Urlaub machen zu dürfen. Da gab es vermutlich auch noch keine indischen Restaurants. Die Häuser allesamt adrett und niedlich, auch das Ziel meiner Begierde, ein knallgelbes Hexenhäuschen, schaut von außen ganz harmlos aus.

indisch

In punkto Innenausstattung toppt es jedoch alles, was mir bisher an indischen Restaurants untergekommen ist. In einem relativ kleinen Raum sind die Fenster, auch die Decke, mit schweren blauen, gold und silbern durchwirkten Vorhängen, verhängt. Die Wände sind rot. Und in dem ziemlich kleinen Raum steht alles voller Stühle, die aussehen, als wären sie aus einem Disney-Versailles entwendet, türkisfarbene Polster und hohe weiße, verschnörkelte Lehnen. Nicht genug der Sinnesflut – auf einem der wenigen Tische steht ein gigantischer Flachbildschirm, auf dem ein Bollywood-Drama läuft, während auf einem Miniatur-Transistorradio ein Autorennen übertragen wird. Nehme ich zumindest an, alles natürlich auf indisch. Vermutlich bin ich heute der einzige Gast. Die zusammengepferchte Rokoko-Herde scheint mich neugierig zu beäugen, und auch der Wirt, der die Gaststube verständlicherweise als sein Wohnzimmer betrachtet, befragt mich eingehend nach meinem Woher & Wohin. Ich komme kaum zum Essen. Und antworte wohl zu bereitwillig. Spätestens als das Angebot erfolgt, mit ihmauf der nächtlichen Seebrücke indischen Rum zu verkosten, wird es Zeit zu gehen.

Gespensterwald

Wenn es hier Gespenster gibt, dann wohl eher heimelige als unheimliche. Der Urwald bedeckt den größten Teil des Darß. Ich laufe stundenlang und es wird nicht langweilig. Sanft gewellt ist der Boden unter gekrümmten Kiefern, mit Moos und Blaubeergestrüpp bedeckt. Ich warte darauf, dass sich die Elfen endlich unter den großen Pilzen hervorwagen. Dann wieder verrenken sich die Äste uralter Buchen, verkrüppelte tote Arme, die sich dem Himmel entgegenrecken. Und am Strand, diesem endlos scheinenden wunderbar weißen Strand, hat der Wind den Wald geduldig in eine Richtung gekämmt. Auf dem Rückweg finde ich dann endlich mal ein Bänkchen zum Ausruhen. Und weiß auch bald, warum gerade hier eins steht: hier in der Mitte des Waldes wachsen Lärchen gerade hoch und weit in den Himmel, wie Pfeiler in einer Kathedrale, zwischen den roten Stämmen fällt das Sonnenlicht in feinen Strahlen zur Erde, und die Luft ist erfüllt von einer ganz besonderen Musik. Einem flirrenden, samtenen Geräusch, dem Flügelschlag unzähliger winziger Federbälle. Ein Blaumeisen-Heiligtum.

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Seebrücke

Die Seebrücke, 390 Meter weit geht sie ins offene Meer. Der perfekte Ort, dachte ich mir, und malte mir eine melodramatische Szene aus. Mondlicht über der aufgewühlten See, nur ich und die Wellen, der Gesang des Windes. Aber ich habe nicht auf den Kalender geguckt. Wir haben Neumond. Und dunkel heißt hier: richtig dunkel. Kein Großstadtgelichter, keine Industrieanlagen, die den Himmel immer irgendwie leicht glimmen lassen. Die Nachmittagssonne schickt schwache Strahlen über den Sand. Das Meer ist unbewegt und schimmert in tiefem Blau. Ich stehe weit hinten auf der Brücke, die Hände in den Taschen, und prüfe, ob mich jemand beobachtet: nicht die dick eingepackten Angler, die den Brückenkopf eingenommen haben. Nicht der Radler, der aus seiner Thermoskanne trinkt, und das Panorama der Bucht bewundert. Nicht das in die Jahre gekommene Liebespaar, das ist mit sich selbst beschäftigt. Und schon gar nicht die Silbermöwen mit ihren Greisenaugen, die sich auf alles stürzen, was essbar scheint. Ich öffne die Hand, er blitzt kurz auf im Sonnenlicht, bevor er im Wasser verschwindet. Es ist, als ob jemand ein Pflaster abreißt, ein kurzer intensiver Schmerz und dann – nichts mehr. Leichtigkeit im Herzen.

seebruecke

Der Tod lächelt uns alle an

Selbst der Friedhof ist – wen wundert’s jetzt – irgendwie kuschelig. In großen Teilen eher parkartig angelegt, die Gräber auf dem Rasen und zwischen den Bäumen, ohne Weg und Steg. Die ganz alten Grabsteine sind an der Kirchenmauer aufgereiht. Und – ich bemerke es erst, als ich schon ein paar mal drüber gelaufen bin – teilweise ins Pflaster mit eingearbeitet. Das Schädelchen grinst mich eher einladend und so gar nicht furchterregend an, bevor ich darüber stolpere und auf der Schwelle der Seemannskirche lande.

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