Blick zurück – nach vorn

Leuchtturm Pilsum

Mittlerweile ein richtiges kleines, liebgewonnenes Ritual: meine Standortbestimmung in der Zeit „zwischen den Jahren“: was hat das alte Jahr gebracht, was wünsche ich mir vom neuen, was war richtig toll, wo möchte ich Dinge verändern. Und ich fand es schon immer unterhaltsam, ein Jahr im Zeitraffer Revue passieren zu lassen. Umso mehr zur Wende 2014/15, als nun die Auszeit zu Ende ist (aber nicht das Blog! Versprochen!) und es richtig was zu gucken gibt! Jaja, eigentlich war eine so frühe Rückkehr ins Erwerbsleben gar nicht geplant. Aber was soll ich denn machen, wenn plötzlich der Traumjob vorüberschwebt?! Doch dazu später mehr …

Und der Reihe nach …

Kröten

Sparen war ja zunächst mal nur eine Notwendigkeit, als ich mir überlegt habe, wie lange ich mit dem Geld auf meiner hohen Kante auskommen würde. Um schlimmstenfalls 12 Monate komplett aus eigener Tasche zu überbrücken zu können (einschließlich freiwilliger Krankenversicherung), hatte ich mir vorgenommen, 300 EUR pro Monat weniger auszugeben als vorher. Das war ganz locker über alle 6 Monate machbar (obwohl im Dezember ein spontaner Gesangsworkshop in Hamburg eine herbe Delle in der Bilanz verursacht hat). Klamotten oder Schuhe hab ich in dem halben Jahr gar keine gekauft (den legendären Paisley-Schal mal ausgenommen) und die Wohnung musste auch ohne neue Möbel oder Deko auskommen. Beim Essen wurde ebenfalls heftig gespart via „Selber kochen statt Kantine“, wenn auch das Raffinement ein wenig darunter gelitten hat. (Herrje, die Kantine ist wirklich das einzige, was ich vermisse!)

Weniger gut geklappt hat die Spar-Policy beim auswärts Essengehen. So viele spannende Treffen, interessante Gespräche, liebe Begegnungen in irgendwelchen Cafés oder Restaurants. (Und natürlich auf zT fantastisches Essen, zB bei Körle & Adam, der veganen Top-Adresse Stuttgarts, aber da war ich auch jedes Mal eingeladen – danke Ihr Lieben!) Natürlich könnte man mit Freunden auch anders essen / gar nicht essen / selber kochen – wasauchimmer. Aber es ging mir ja nicht um Sparen auf Deubel komm raus, sondern auch darum, gegen was man das langweilige Geld am besten eintauscht, wenn man nicht unbegrenzt viel davon hat.

Im Studio

Im Studio

„Sparen“ war so in zweiter Linie für mich die Frage danach, was man wirklich braucht und was eigentlich nur vom System getriggerter Konsum bzw. was Kompensation für den Verbleib im Hamsterrad ist. Und die Erkenntnis, dass diese 13 Paar Stiefel gar kein wirklicher Gewinn sind, sie brauchen Platz, sie brauchen Aufmerksamkeit, sie konsumieren mich und nicht ich sie. Nachdem es einmal „Klick“ gemacht hatte, war Enthaltsamkeit überhaupt nicht mehr schwer. Ein, zwei Mal habe ich vielleicht noch begehrliche Blicke auf ein Paar besonders schöner Schuhe geworfen. Und dann Ausgaben für „Erlebnisse“ oder auch Investitionen in meine Musik in dem Bewusstsein getätigt, dass der „Return on Investment“ wesentlich größer ist. (Tja, 13 Jahre Großkonzern gehen nicht spurlos an einem vorüber …)

Krempel

Die Frage nach dem „Weniger“ hat dann sehr schnell auch auf andere Bereiche übergegriffen. Schon vor einigen Jahren hatte ich mir vorgenommen, meinen Besitzstand soweit zu reduzieren, dass ich alles im Überblick und regelmäßigem Gebrauch habe. Und dass die Dinge, die ich nicht gebrauche, sich an anderer Stelle und bei anderen Menschen nützlich machen sollten. Brav habe ich so jedes Jahr beim Waldenbucher Verschenkmarkt meine diversen Kartons abgeliefert, ohne dass irgendeine Veränderung in meiner Wohnung sichtbar wurde.

Erst im letzten halben Jahr wurde mir so richtig bewusst, dass auch der Überfluss an Dingen Zeit und Geld kostet. Man muss sie wegräumen, putzen, um sie herumsaugen und auch noch Miete für sie bezahlen. Und wenn man so strukturiert ist wie ich, dann kostet der Krempel auch noch mentale Energie. Jedes Ding sendet mir irgendwelche Signale („Wo gehöre ich eigentlich hin?“, „Du wolltest mich doch noch lesen!“, „Passt mein Stil überhaupt zu Dir?“). Wenn überall etwas herumliegt, kann ich mich nur noch schwer konzentrieren. (Und wenn ich in einem von diesen Mega-Supermärkten einkaufen muss, krieg ich Zustände – mein Gehirn prozessiert einfach die Vielzahl von Eindrücken nicht mehr.)

Bücher

Bücher Bücher Bücher …

In dem Bestreben, Zeit, Geld und Energie zu sparen, habe ich bestimmt einen Kleinbus voller Zeug verkauft, verschenkt und schlimmstenfalls auch entsorgt. Bei weitem noch nicht genug, aber immerhin habe ich eine gewisse Routine und kann mittlerweile sehr schnell entscheiden, was ich tatsächlich noch brauche und was nicht. Die viel schwierigere Frage ist immer die nach der möglichen Annahmestelle (Mülltonne geht gar nicht). Der nächste große Kriegsschauplatz ist die Bibliothek. Wer Stellen weiß, die Bücherschenkungen in größerem Umfang annehmen, bitte melden! (Es geht eher um antiquarische Bücher: Romane, Literaturwissenschaft, Philosophie, Geschichte etc. Bücherankauf im Internet wie Momox, Amazon etc. ist bereits ausgereizt.)

Kreuz I

Das Kreuz mit dem Kreuz. Erinnert sich noch jemand an den ersten Blogpost hier und meine Ziele für die Auszeit? Ich nämlich auch nicht mehr so richtig, und das hat einen Grund: es war viel zu einfach. Ich wollte mehr Sport und Entspannung machen und schauen, ob es meinem Rücken besser geht. Das habe ich auch brav gemacht, intensives Gerätetraining im Fitness-Studio und Laufen im Wald. Das Resultat ist allerdings schwer einzuschätzen, einfach weil allein schon durch die Kündigung ein Großteil der Beschwerden verschwunden war. Vom Physiotherapeuten musste ich mir sagen lassen, dass es allen seinen Patienten schlechter ginge als mir. Ich kam mir auf der Liege fast wie ein Hochstapler vor, der sich sein Rezept erschwindelt hat. Die Logopädie hatte ich im März abgebrochen, weil sich einfach nichts veränderte. Bei der ersten Stunde ein paar Monate später, wurde mir eröffnet, dass meine Stimme wieder komplett in Ordnung sei. Das lässt einen schon nachdenklich werden. (Welche Folgekosten zeitigt unsere Art zu arbeiten eigentlich im Gesundheitssystem? Burnout-Fälle sind da vermutlich nur die spektakuläre Spitze des Eisbergs. Wie viele Therapien sind nur deshalb notwendig, um uns in diesem System arbeitsfähig zu halten?)

Mit meinem Praktikum und der damit verbundenen körperlichen Arbeit war ich zum ersten Mal seit Jahrzehnten völlig beschwerdefrei. Im Bett zu liegen, ohne seinen Rücken zu spüren – was für eine fantastische Erfahrung! Das Thema ist natürlich damit nicht komplett erledigt. Auch zukünftig wird es viel Bildschirmzeit geben, im Job, bei der Musik, beim Schreiben. Und es wird sich wieder die Frage stellen, wie ich den Sport in einen vollgestopften und mitunter nicht planbaren Alltag integriere.

Kraftfutter

labskaus

Labskaus mit Hering und Spiegelei

Noch einmal positiv überrascht war ich von meiner Disziplin in punkto Mahlzeiten. Ich hätte nicht gedacht, dass ich es schaffe, mir regelmäßig was zu kochen, meist nicht besonders raffiniert, dafür aber mit frischen Zutaten. Und ohne Fleisch. Erst jetzt fällt mir auf dass die Entscheidung für eine vegetarische Ernährung zeitlich zusammenfiel mit der für die Kündigung. Anfang März an der Nordsee noch einmal eine Bedenkzeit und ein zünftiges Labskaus. Und danach zurück ins Ländle mit 2 richtig guten Entscheidungen im Gepäck.

 

Krach

Ein bisschen anders hatte ich mir das schon vorgestellt, ich sah mich eigentlich tagaus, tagein am Computer sitzen und an meinen Kompositionen schrauben. Doch dazu bin ich gar nicht gekommen. Keine Zeit! Mit der Auszeit stellte sich so eine Art Mini-Rentner-Effekt ein. Ein voller Kalender und zig Projekte, die alle gleichzeitig „hier“ schreien. Und man meint, man kann alles machen – man hat ja eine Auszeit. Aber auch während dieser hat der Tag nur 24 Stunden …

Megaphon

Achtung: eine Durchsage …

Immerhin hab ich die Zeit gut genutzt für intensives Gesangstraining. (An dieser Stelle ein großes Dankeschön an meine nachsichtigen Nachbarn!) Ob markdurchdringende Kopfstimme oder Mordsgebrüll, ich hab geübt, geübt, geübt. Manchmal war ich am Boden zerstört und gänzlich verzagt, ich hab mich immer wieder berappelt und von vorn begonnen. Manchmal war ich selbst erstaunt über meine Hartnäckigkeit. Ich glaube, wenn man irgendwann seinen Traum gefunden hat, dann lässt es einen nicht mehr los und man kann gar nicht anders, als ihm zu folgen …

Dann gab es eine Premiere, das großartiges Krach-Konzert mit The Chemical Scourge in Offenbach im Oktober. Vorangegangen waren einige Wochen intensiven Probens und Arbeiten an den Songs, ein Teil der Texte musste fertig gestellt, die „Bühnenshow“ entwickelt werden. (Kann man bei 200×50 cm von einer Bühne sprechen?) Ich hab mit einigen Dämonen gerungen, manche davon altbekannt, manche davon sind erst mit den neuen Songs entstanden.

Wenn ich auf die Auszeit zurückblicke, waren eigentlich die Dinge mit am schönsten, die sich ganz spontan und überraschend ergeben haben und die so gar nicht in meinem großen Generalplan drinstanden. Wie etwa der Dreh eines Musikvideos für die Band Distant Call, bei dem ich als Schauspielerin mitwirken durfte: morgens in einem alten Häuschen auf der Schwäbischen Alb vor Herbstkälte zittern, mittags auf dem sonnenbeschienenen Schömberger See Tretboot fahren und abends durch trostlose Bahnhöfe laufen. 12 Stunden lang Schwerstarbeit. 12 Stunden lang Riesenspaß.

Video

Aus dem Musikvideo von Distant Call („Do You Remember“)

Auch sehr hübsch: die „Rahmung“ meiner Auszeit durch 2 Powervoice-Workshops einschließlich Studio-Aufnahmen Ende Juni und kurz vor Weihnachten. Und das nicht nur, weil es Laune macht, man in kurzer Zeit unglaublich viel lernt und bestenfalls noch eine nette Aufnahme mit nach Hause trägt. Nein, auch und gerade weil diese intensiven Tage einen immer wieder an die eigenen Grenzen bringen und Themen an die Oberfläche, die sich danach hartnäckig weigern, wieder abzutauchen. Meine Sicht auf die Singerei hat sich in der Zeit gewandelt. War es mir früher in erster Linie wichtig, meinen Gesang zu verbessern, tolle Auftritte und tolle Aufnahmen zu „produzieren“, so ist es jetzt für mich viel mehr ein Weg, in der Musik das zu finden, was meins ist, was mich ausmacht. Und mit meinen „Themen“ in Berührung zu kommen, die noch offen sind und die mich daran hindern, mich weiterzuentwickeln.

Kritzeln

Auch eins dieser ungeplanten Dinge, die die Auszeit so richtig zum Glitzern gebracht haben: das Blog hier. Wenn ich dran denke, wie viele Bedenken und Zweifel ich vorher bewegt in meinem Herzen. Sind meine Themen nicht zu banal? Ist die Auszeit als thematische Klammer nicht zu beliebig? Ist das Internet nicht schon hinreichend verstopft mit Lifestyle Porn und Verbal-Exhibitionisten? Wenn ich dran denke, dass ich mich beinah um ganz viel Schreibfreude, aber auch um wunderbaren, unerwarteten Austausch mit vielen Menschen gebracht hätte! Und um die Möglichkeit, mein Tun und Fühlen zu reflektieren.

Krass!

Der Stress! Das war ein reality check der ernüchternden Sorte: wie viel Stress ich mir auch ohne jeden Arbeitgeber machen kann. Nachts auf dem Balkon sitzen und die Sternchen anschauen, einfach nur mal Musik hören oder durch den Wald spazieren – das ging in den ersten paar Wochen noch, aber dann haben die Projekt-Teufelchen die Oberhand gewonnen. Jeden Abend bin ich ins Bett gesunken mit dem Gefühl, dass der Tag wieder mal viel zu kurz war. Klar, fast immer Eu-Stress, aber das ist ja auch kein Dauerzustand. So viel Wollen, so wenig Sein. Nur in den Tagen an der Ostsee hatte ich das Gefühl im Rhythmus mit mir selbst zu sein. Aha. Eine Aufgabe für das neue Jahr …

Seebrücke

Seebrücke in Prerow

Meine Befürchtung hingegen, dass mir vielleicht die Unsicherheit zu schaffen machen und mich in die Arme des Arbeitsamtes treiben würde, war unbegründet. Wenn mich etwas hat nicht schlafen lassen, dann war es die Aussicht auf so viele spannende Projekte.

Kreuz II

Zu Kreuze kriechen. Beim Arbeitsamt, bei dem ich zumindest in der 2. Hälfte der Auszeit arbeitslos gemeldet war. Was eine wichtige Erfahrung war. Um es vorweg zu schicken: die Menschen mit denen ich es zu tun hatte, ob vor Ort oder in der Hotline, waren allesamt sehr freundlich, zugewandt und hilfsbereit. Der gesamte Mechanismus jedoch ist intransparent, unbeweglich und gängelt einen in einer Weise, die für ein aufrecht gehendes Lebewesen schwer erträglich ist.

Nur ein Beispiel: ich bekam eine Vorladung zu einem Beratungstermin, anbei ein Formular „Der Aufforderung zur persönlichen Meldung … werde ich aus folgenden Gründen nicht nachkommen …“ mit verschiedenen Optionen zum Ankreuzen, u.a. „Ich nehme eine Stelle ab … auf“. Fein, dachte ich, das tue ich ja, sandte das ausgefüllte Formular zurück und hielt die Angelegenheit für erledigt. Bis ein weiteres Schreiben mir verkündete, dass aufgrund meines unentschuldigten Fehlens alle Leistungen gestrichen wären. Plus eine weitere Vorladung zu einem Termin, bei dem ich Gelegenheit hätte, mich zu rechtfertigen. Bei diesem Termin durfte ich dann vor Ort 1) einen Fragebogen mit einer ausführlichen Rechtfertigung füllen und 2) anschließend alles auch noch einmal mündlich erläutern. Mir wurde mitgeteilt, dass eine derartige Abmeldung von einem Termin nur maximal 14 Tage vor Arbeitsbeginn möglich sei. Mein Einwand, dass das aus dem Formular hätte hervorgehen oder dass man mir es zumindest auf mein Schreiben hin hätte mitteilen müssen, blieb unerwidert. Dafür beschied man mir dann, dass nun auch die Genehmigung meines Urlaubs nicht mehr sicher sei, man müsse erst abwarten, wie der zuständige Bearbeiter entscheide.

Die Urlaubsgenehmigung kam irgendwann, das Geld nicht. Drei Wochen später ein weiterer Anruf bei der Hotline. Die Bearbeiterin stellte im System fest, dass meine Entschuldigung angenommen worden sei, und meinte, dann könne sie ja wohl auch das Geld wieder anweisen. Fand ich auch. Und musste Harald Welzer Recht geben, der treffend analysiert, dass diese altmodische Institution ihre Wurzeln „in der Erziehungs- und Zuchtfunktion hat, die Arbeit und Disziplin mit dem Aufkommen des Industriesystems zugeschrieben wurde“ (Harald Welzer, Selbst denken).

Die Termine beim Arbeitsamt waren auch deswegen so lästig, weil ich jedes Mal, auch für eine fünfminütige Interaktion, nach Stuttgart-Nord fahren musste, in der Rush Hour kein Spaß. Das Arbeitsamt ist für die Akademiker zuständig und wirbt damit, als einziges Amt in Deutschland ein auf deren Belange spezialisiertes Team zu haben. Gleich nach meiner Kündigung (man muss sich übrigens innerhalb von 3 Tagen nach Kündigung melden, sonst gibt es – wer hätte das gedacht – eine Strafe!), also schon im April, hatte ich meinen ersten Termin und mir wurde nachdrücklich eine Beratung und Standortbestimmung durch das Akademiker-Team nahe gelegt.

Die bestand darin, dass der Berater sorgfältig alle meine Unterlagen durchschaute, um schließlich zu sagen: „Sie können eigentlich alles machen. Und ich will Sie auch gar nicht einschränken.“ Tja. Soweit war ich selbst schon gekommen. Also beschloss ich einfach, mich Hals über Kopf ins Vergnügen zu stürzen und die Arbeitssuche erstmal Arbeitssuche sein zu lassen.

Kreativ sein dürfen?

Noch mal zurück zum allerersten Blogpost: „mal schauen, welche Dinge ich in meinem Leben noch gerne tun würde …“. Den Wunsch, mal ein Praktikum im Bestattungsinstitut von Barbara Rolf zu machen, hatte ich schon seit drei Jahren mit mir rumgetragen. Und er ging prompt in Erfüllung.

Keine zähen Checklisten aus den unzähligen „Finde deinen Traumjob“-Ratgebern zu Kernkompetenzen, bevorzugten Themenbereichen, Social Skills, Branchen, Jobprofilen. Stattdessen Erfahrung. Die Erfahrung, zusammen mit anderen für ein gemeinsames Ziel zu arbeiten. Mit einem klaren Fokus auf den Bedürfnissen der Menschen und trotzdem einem hohen Maß an Effizienz. Wo Werte einen höheren Stellenwert haben als Wirtschaftlichkeit.

Klingt zu schön, um wahr zu sein? Geht noch besser. Immer hatte ich die Vorstellung mich – mit den Worten des Beraters vom Arbeitsamt – „einschränken“ zu müssen. Es war völlig außerhalb meines Vorstellungsvermögens, dass es einen Job geben könnte, bei dem ich mehr als nur einen kleinen Teil meiner Fähigkeiten, Vorlieben, Leidenschaften einbringen kann. Wo der Umgang mit Menschen genauso gefragt ist wie Schreiben, Organisation, Prozessdesign, IT Skills, musikhistorische Kenntnisse. In dem ich in der Werkstatt arbeiten, dekorieren, mit dem Auto durch die Gegend düsen darf. Und überdies noch neue Dinge lerne, die mir Freude machen. Ganz neue Horizonte entdecke.

Bestattungen Rolf

Ein neuer Platz zum Arbeiten ….

Als mir nach dem Praktikum Ende September eine feste Stelle angeboten wurde, war das für mich ein riesengroßes Geschenk. Ich hatte ausgemacht, dass ich die Stelle erst Anfang 2015 antreten würde, um noch ein wenig Zeit für meine
Auszeit-Projekte zu haben. Und erwischte mich Mitte Dezember beim ungeduldigen Blick auf den Kalender: wann geht es endlich los? Das war für mich einigermaßen irritierend. Auf die Arbeit freuen?!

Mit derartigen Irritationen kämpfe ich immer wieder: es kann doch nicht sein, dass Arbeit „so“ ist. So voller Wertschätzung den Kunden und den Mitarbeitern gegenüber. So voller Spaß und gleichzeitig voller Respekt. So nachhaltig und voller Achtung gegenüber der Umwelt – auch wenn das wirtschaftliche Einbußen bedeutet. Das geht doch nicht! Schon erschreckend, wie verquer meine Vorstellungen im Laufe der Zeit geworden sind.

Kraut & Rüben

Weihnachten habe ich 2014 ausfallen lassen. Kein Wunder, nach 6 Monaten gefühlter Nonstop-Bescherung. Und jetzt sitze ich immer noch hier inmitten von bunten Papieren und Bändern und versuche die Geschenke zu zählen. Während das Leben auf Fast Forward gedrückt hat und jeden Tag Neues auf mich einprasselt. Wenn bei Auszeit 24×7 nicht genügend Zeit blieb für alle (See-)Steckenpferdchen, wie soll das denn werden mit einer Arbeit, die mehr ist als nur ein Job. Ich versuch’s mal entspannt (sic!) anzugehen.

Das Blog war ja ursprünglich mal zur Auszeit-Berichterstattung gedacht. Mittlerweile kann ich es mir aber gar nicht mehr aus meinem Leben wegdenken. Tagebuch habe ich ja schon früher geschrieben. Das Blog jedoch zwingt einen viel stärker zur Form und dazu, die Dinge zu Ende zu denken. Mal ganz zu schweigen von dem Austausch, der da entstehen kann.

Die Reise geht weiter …

schredder

Die Tagebücher der letzten 30 Jahre

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Anne-Katrin,

    ein solch wunderbarer Lebensbericht der allerallerbesten Sorte.
    Ich bin ein bißchen neidisch (das ist auch ein ziemlich hoher Grad an Bewunderung 😉 ), dass Du es geschafft hast, los zu lassen. Alles das, was man immer meint, zu brauchen. Und siehe, wie viel Neues kam auf Dich zu!

    An meiner Pinnwand hängt seit Jahren der Spruch von Martin Walser : „Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füsse.“ Eigentlich weiß ich es, und habe es vielfach erfahren. Uneigentlich warte ich…. worauf?
    Nun gut, um gnädig mit mir zu sein: Vieles von meinem Besitz habe ich in den letzten Wochen losgelassen. Vielleicht doch der erste Schritt zum „Nichts haben – Alles sein.“ ?

    Was mache ich, wenn ich etwas ratlos bin? Ich ziehe eine Engelkarte. Und was sagt mir diese über das kommende Jahr? „OZEANA : Handle. Du bist in Kontakt mit Deiner Wahrheit. Vertraue Deinem Bauchgefühl und behaupte Dich auf liebevolle Weise.“
    Ozeana ist mir bereits bestens bekannt. Sie ist ziemlich hartnäckig und kommt seit den letzten Ziehungen immer und immer wieder – und es sind immerhin insgesamt 44 Karten – um mich daran zu erinnern, dass ich in diesem Jahr dran bin, den ersten Schritt zu tun. Und ich glaube, Ozeana wird sich freuen, wenn ich nach über 30 Jahren das Meer wieder treffe.
    Wer weiß, vielleicht war Ozeana auch bei Dir oder warst Du nicht in Hamburg :-)?
    In stiller Hoffnung
    Anette

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