Trävelling with Deutsche Bahn

Nachdem ich erst im Alter von 39 meine spätpubertäre ökologische Trotzphase überwunden und meinen Führerschein erworben hatte, entdeckte ich also spät, dafür aber umso leidenschaftlicher die wunderbare Welt des Individualverkehrs. Von da an düste ich enthusiastisch durch die Lande, erhöhte regelmäßig das Kilometerkontigent bei meiner Versicherung und verdrängte solchermaßen allerlei traumatische Erfahrung aus meiner Bahnfahrvergangenheit.

Mit einem herzigen kleinen Auto, das zum Kaufzeitpunkt Rekord-Werte hinsichtlich CO2-Ausstoß und Spritverbrauch hatte und dessen Türverkleidungen aus alten Kunststoff-Flaschen bestanden, verpasste ich der neuen Leidenschaft erfolgreich ein ökologisches Mäntelchen. Und erst, als ich während meiner Auszeit mein Leben im Hinblick auf meinen ökologischen Fußabdruck kritisch unter die Lupe nahm, gedachte ich wieder meiner alten Haßliebe, der Deutschen Bahn.

Und fragte mich, ob man nicht doch vielleicht wieder … Und bereute, dass ich damals – während der 20 Jahre auf dem Schienennetz zwischen Berlin, Hamburg, Göttingen, Stuttgart – kein Bahntagebuch geführt hatte. Denn in dieser Zeit stieß mir bei so ziemlich jeder Fahrt so ziemlich alles zu, was einem Bahnreisenden nur so zustoßen konnte. Wenn der unvermeidliche Anrufe aus dem Nirgendwo kam, fragten meine Eltern nur noch schicksalsergeben: „was ist es denn diesmal?“. (Nota bene: die längste Zeit fand dieses Spiel natürlich ohne Mobiltelefone statt.) Es ging so ziemlich alles kaputt, was kaputt gehen konnte: Türen, Oberleitungen, Weichen, Lokomotiven (Rekord waren zwei kaputte Loks während einer – normalerweise 2,5-stündigen – Fahrt von Göttingen nach Scheeßel). Und der Oscar für special effects ging an die folgendermaßen lautende Durchsage: „Sehr geehrte Fahrgäste. Unser Zug hat sich leider verfahren ….“. Achso! Mir kam die Gegend doch gleich so unbekannt vor …. Also ein halbe Stunde rückwärts fahren bis zur falsch gestellten Weiche und dann das Ganze noch mal von vorne.

Wen wundert’s, dass ich traumatisiert bin. Aber ich habe mich den Gespenstern der Vergangenheit tapfer gestellt. Während ich dies tippe, bin ich nun schon fast in der Zielgeraden, noch eine Stunde bis Stuttgart. Die halbe Stunde Verspätung aufgrund von „Störungen im Betriebsablauf“ (aha!) hab ich dank reichlich Aufenthalt in – Darmstadt (ja, Sparpreisticket!) kompensieren können. Ein weiterer Nebeneffekt von Sparpreistickets: man darf unbekannte Bahnhöfe erkunden, an denen man sonst nie ausgestiegen wäre. Zum Beispiel Würzburg (ein Bild vom Bahnhofsvorplatz findet man im Lexikon unter dem Eintrag „Totübermzaunhängen“). Neben überalterten Punks und unappetitlichen Imbissbuden, McD und C&A begrüßen einen dort vergilbte Plakate, die für den Shantychor Würzburg werben. Creepy! Was tun? Ähnlich gruseligen Kaffee trinken und schließlich die Bahnhofsbuchhandlung durchwühlen.

Die Bahnhofsbuchhandlung. Früher eigentlich immer ein Quell von Inspiration. Irgendein verrücktes Buch oder eine schräge Zeitschrift habe ich dort jedes Mal gefunden. Und jetzt ist das richtig schwer geworden. Oder hab ICH mich einfach so sehr verändert? Auf den Büchertischen haufenweise Nachahmungstäter. Wenn irgendeine Romanidee mal erfolgreich war, wird sie gnadenlos zu Tode geritten. Schon die abgedroschenen Titel schreien einen förmlich an. Am schlimmsten die Regionalkrimis: Ostfriesenblut, Schwabenmord, Bluttat in Buxtehude, Würger von Wanne-Eickel. Den Fehler hab ich auch nur einmal gemacht: mir meinen Urlaub mit einem einschlägigen Lokal-Krimi zu versauen.

Also weiter zum Zeitschriftenregal. Da hat sich ja einiges getan! Gefühlte 2 Meter vegane Zeitschriften – on display und nicht verschämt ins Regal gestopft. Sehr hochglanz und sehr schicki-micki. Wer’s braucht. Ernährungswissenschaftliche Basics und praktische Rezepte kann man sich doch im Internet zusammenklauen. Tischdekorieren hab ich mir selber beigebracht.

Weiter zu einem anderen völlig neuen Genre. Feelgood-Magazine für Achtsamkeit, Selbstfindung, Realitätsverlust: Herzstück („Das Magazin mit Inspirationen für Leib & Seele … will Sie zu einem kleinen Spaziergang verführen: Raus aus dem grauen Alltag – rein in die Welt der unverhofften Wunder und zarten Glücks-Momente …“), Happy Way („das Magazin für Glück, Gesundheit und Genuss möchte Sie zu einer kleinen Auszeit vom Alltag einladen – und zu einer Reise zu sich selbst“), Flow („Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“). Ästhetisch wertvoll, psychedelisch bunt, inhaltlich luftig.

Dann doch lieber gleich zum bewährten Original: die aktuelle Ausgabe von „Psychologie heute“ hat das Titelthema „Nichtstun“. Und das Kompakt-Themenheft lockt mit „Männer verstehen (Was wollen sie wirklich?)“. Ja, bei beiden Themen hätte ich definitiv Bedarf an etwas Nachhilfe. Aber das mag ich nicht zugeben. Glücklicherweise geben ja mittlerweile alle größeren Zeitungen und Zeitschriften Sonderhefte zu so Psycho-Themen raus. Das aktuelle Heft vom Spiegel heißt „Richtig scheitern“. Ach du Schande! Waren das noch schöne Zeiten, als man sich einfach gepflegt auf die Fresse packen konnte – ohne drüber nachzudenken, ob man das auch RICHTIG macht … Ein anderes Magazin titelt kontrapunktisch „Arsch hoch“ und weiß „wie man verhindert, die Karriere zu versauen, bevor sie begonnen hat“. Das Magazin heißt „BusinessPunk“. Ein Begriff, der fast so schön ist wie „Shantychor Würzburg“ …

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. ich bin wie immer sehr sehr begeistert über Deine Art, scheinbar ganz alltägliche Dinge zu beschreiben; besonders, elegant und so verschmitzt witzig!
    Zugegebenermaßen fahre ich schon lange keine Bahn mehr, aber immer noch bleibt mir das Erlebnis in Erinnerung, als ein Zug das Signal überfuhr, über den Kornwestheimer Bahnhof hinaus schoss und abrupt zum Stehen gezwungen wurde. So stand der Zug mit den zahlreichen Fahrgästen auf der freien Strecke kurz hinter dem Bahnhof. Und stand und stand und stand. Bis über den Zuglautsprecher im besten Schwäbisch ertönte: „na, fahr halt zrick, Du Seggl!“

    • *keuch* … musste mich erstmal vom Lachkrampf erholen … Das versöhnt natürlich mit aller Unbill!

      Meine Lieblingsansagen – im breitesten Noaaaddeutsch – kamen immer im Metronom zwischen „Hambuuiich“ und Bremen: „Bremen. Unser Zuuch endet hier.“ … kurze Pause … „schaaade“ … kurze Pause … „naaaja“ … kurze Pause … „bitte alle aussteigen!“

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