… alles Leben ein Vogelflug …

Lokfront

Keine Ahnung woher diese Faszination kommt: Miniaturen, Dioramen, Welten im Kleinformat. Ich bin weder ein Eisenbahnfan noch ein Militärhistoriker, aber Modelleisenbahnen oder Formationen von Zinnsoldaten könnte ich mir stundenlang anschauen. Das Verrückte daran: es funktioniert immer noch, wenn die Miniatur noch nicht einmal „real“ ist. Bei Zork Nemesis (einem Grafik-Adventure von 1996, Sequel der legendären Zork-Text-Adventure-Serie) habe ich mich stundenlang im Strategie-Zimmer herumgedrückt, um die dort ausgestellten Dioramen zu betrachten, obwohl die bis auf eines gar keine Funktion für die Lösung des Spiels hatten.

LesezeitUnd jetzt die „Eisenbahnzüge“ von Thomas Josef Wehlim. Der Protagonist des Romans erbt eine Villa von seinem Onkel, muss aber feststellen, dass sämtliche Räume mit einer Modelleisenbahn verbaut sind, das Testament untersagt den Abbau der Anlage. Der glücklose Neffe überlegt, das Erbe auszuschlagen, gerät aber unversehens in den Bann der Miniaturwelt, die noch nicht mal durch Deaktivieren der Hauptsicherung zum Stillstand zu bringen ist.

Wer einmal das Miniaturwunderland in Hamburgs Speicherstadt (13 Schienenkilometer auf insgesamt 1300 Quadratmetern) besucht hat, wird das nachvollziehen können. Da löscht die Feuerwehr in Knuffingen zuverlässig jeden Brand, die Elbphilharmonie ist zwar auch im Miniatur-Hamburg das teuerste Gebäude – aber immerhin schon fertiggestellt und feierlich eingeweiht. Ein Tag dauert 15 Minuten und man fragt sich, wie groß beim Maßstab H0 (1:87) die LED ist, die die Nase eines Rentiers rot leuchten lässt. Das Auftauchen in die 24-Stunden-Alltagswelt fällt nach einem Besuch im MiWuLa ganz schön schwer …

Im Fall der fiktiven Modellbahnanlage in den „Eisenbahnzügen“ ist es weniger der Niedlichkeitsfaktor, der fasziniert, als der Ausschnitt der historischen Welt, der hier nachgebildet ist, der einem den Atem nimmt. Auch hier gibt es unterschiedliche Länder wie Holland, Ungarn, Österreich, Frankreich – aber die Züge haben alle das gleiche Ziel: eine maßstabsgetreue Nachbildung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.

Der Roman wirft Licht auf die Rolle der Bahn im 3. Reich und bringt dabei immer neue Facetten zum Vorschein, grausige, menschenverachtende, skurrile. Ich habe gelesen, immer wieder gelesen, mich festgelesen. Weitergelesen im Internet, recherchiert. Etwa die Geschichte der Sonderzüge, die den Mitgliedern der Regierung und militärischen Befehlshabern zur Verfügung standen und die bei Gefahr durch Fliegerangriffe in einen Tunnel gebracht wurden. Sehr zum Missfallen von Hermann Göring, der es nicht liebte, wenn das Wasser in seinem Luxuswannenbad bei der Fahrt überschwappte und der lieber den gesamten Fahrplan durcheinander brachte als auf sein Bad zu verzichten. Oder die Geschichte der Brigade Kaminski, die das Gebiet der halbautonomen Republik Lokot in Südrussland im Auftrag der Waffen-SS von Partisanen frei hielt und die sich durch besondere Grausamkeit und Greueltaten auszeichnete.

Diese historischen Begebenheiten sind Gegenstand von Episoden, Kern des Romans aber ist die Geschichte von Leutnant Friedrich, dem Großvater des Protagonisten, die im zweiten Teil erzählt wird. Friedrich ist als Eisenbahn-Pionier im Osten im Einsatz. Sein Regiment versucht sich russischer Lokomotiven und Züge zu bemächtigen, wenn das nicht gelingt, werden die Gleise auf deutsche Spurweite umgenagelt. Seine schwangere Frau versucht Friedrich mit dem Argument zu beruhigen, dass er in Sicherheit ist, da er immer weit hinter der Front bleibt. Die Realität sieht anders aus: die Soldaten des Regiments erkranken und sterben an den Folgen der Witterung, sie kommen durch Partisanenangriffe ums Leben oder beim Brückenbau (bei einer Truppe von 800 Mann einer pro Stunde).

Erst durch diesen Roman ist mir klar geworden, dass der moderne Krieg des 20. Jahrhunderts ohne die Eisenbahn gar nicht denkbar ist: sie ist im WK2 das Herz der Kriegsführung, sie transportiert Soldaten, Waffen, Material für den Schienenbau. Und doch gibt es etwas, das Vorrang vor den Kriegstransporten hat: die Deportation von Millionen von Juden, die nur mit Hilfe des Logistikunternehmens Deutsche Reichsbahn in dem Umfang überhaupt möglich ist. Die Deportierten müssen dabei die Reise in den Tod (einfache Fahrt) noch selbst bezahlen, zum üblichen Kilometertarif. Erst bei einer Überbelegung des Zuges mit 400 Fahrgästen wird 50% Rabatt gewährt.

Mal kurz recherchiert: Nach heutiger Währung hatte die Bahn Einnahmen von 445 Millionen Euro aufgrund der Deportationen, verzinst wären es 2 Milliarden. Doch nicht nur durch das Fahrgeld verdient die Bahn. Sie transportiert das Eigentum der Juden zurück – und die abgeschnittenen Haare, die zu Filzsocken verarbeitet werden. Größter Abnehmer dafür ist – die Deutsche Reichsbahn. Die Deportationseinnahmen sind in das Kapital der BRD übergegangen. Bei der Frage nach der Entschädigung der Opfer stellt sich das bundeseigene Verkehrsunternehmen Deutsche Bahn jedoch auf den Standpunkt, dass es nicht der Rechtsnachfolger der Deutschen Reichsbahn sei. Für die osteuropäischen Überlebenden der Deportationen hat die Deutsche Bahn 2010 gerade mal symbolische 5 Millionen Euro zur Verfügung zugestanden, 25 Euro pro Person.

Doch zurück zur Handlung: als Friedrich gezwungen wird, an Reparaturen an der Gleisanlage beim Lager Auschwitz-Birkenau mitzuarbeiten, dämmert ihm, was sich in den geschlossenen Güterwaggons befindet, die mit höchster Priorität ihr Ziel erreichen müssen. Er stellt – buchstäblich – die Weiche für die Vergasung der 6-jährigen, aus Ungarn deportierten Jüdin Éva. Mit dieser Schuld wird er sein Leben lang nicht mehr fertig und gibt sie an die folgenden Generationen weiter, an seinen Sohn, der die Modellbahnanlage baut, und an seinen Enkel, der schließlich die winzige Figur Évas (Maßstab 1:160) in einem besonders gekennzeichneten Waggon entdeckt.

Die „Eisenbahnzüge“ werfen die Frage nach den Bedingungen des Erinnerns auf, eine Frage, die jetzt, 70 Jahre nach Kriegsende, hochaktuell ist: was geschieht, wenn die Augenzeugen, Opfer wie Täter, nicht mehr am Leben sind. Wie kann man die Erinnerung lebendig halten, ohne dass sie übermächtig wird, uns aus unserem ererbten Raum vertreibt.

Der Roman erzählt daneben aber auch wunderbare Liebesgeschichten. Im ersten Teil wollen dem Protagonisten wirkliche Liebesbeziehungen nicht gelingen, er verheddert sich in dubiosen Erotikangeboten im Internet oder in seinen Fantasien über reale Frauen. In der Geschichte des Eisenbahn-Pionier-Regiments ist es die Liebe zwischen Friedrich und dem ukrainischen Jungen Vakho, die inmitten des Grauens und der Eintönigkeit des Kriegsalltags poetische, tröstliche Momente entstehen lässt. Vakho flieht nach der Auslöschung seines Dorfes durch die Deutschen, fährt als blinder Passagier, als Schienenjunge, mit Güterzügen mit, und findet schließlich Zuflucht beim Regiment, als Bursche des Leutnants.

Und am Ende des Buches wird der Leser von der Begegnung Hannahs und Viktors verzaubert, den Eltern der kleinen Éva. Das Besondere an dieser letzten Geschichte: sie wird im Rücklauf erzählt, beginnend mit Évas Ermordung und ihrer endgültigen Auslöschung in den Öfen des Lagers Auschwitz, nach der nur noch ein Ring Zeugnis von ihr gibt. Über die Verfolgung der Juden in Ungarn, aus den Augen eines kleinen Kindes gesehen. Bis hin zu Évas Geburt, ihrer Zeugung in einem Moment absoluter Liebe und Hingabe.

Durch diesen Kunstgriff nimmt der Roman der Geschichte das Stereotype, das den Erzählungen von jüdischen Schicksalen im 3. Reich zuweilen anhaften mag. Er gibt dem Menschenleben das zurück, was in Dokumentationen und Statistiken leicht verloren geht: seine Schönheit und Einzigartigkeit.

„Ich legte am Abend
dieses letzte Stück Sonne um dich,
berührte dein Lächeln,
weil alles Leben ein Vogelflug ist.“

Literatur:

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