Gewogen … und für zu leicht befunden

Meine Waage geht falsch. Seit genau 21 Tagen zeigt sie einige Kilo zuwenig an. Kurz mochte ich an das Wunder einer Blitzdiät glauben. Dann hätten aber gleichzeitig alle Hosenbünde zusammenschnurren müssen. Die sitzen aber immer noch sämtlich gleich eng oder weit.

Kurios. Kann denn ein Stein, der vom Herzen fällt, so schwer sein? Denn zeitgleich mit der „Neuorientierung“ des ungeliebten Messgeräts erfuhr ich ganz überraschend vom Ende meines Arbeitsverhältnisses. Manchmal gehen ja bei solcher Gelegenheit Glühlampen kaputt. Aber gleich eine solide Waage?

menetekelAlso springe ich morgens nicht mehr als erstes auf die Waage. Und auch sonst ist alles anders. Ich habe plötzlich wieder richtig viel Zeit. Genau wie vor einem Jahr. Aber es fühlt sich ganz anders an. Das mit dem Stein ist auch nur halb richtig. Ich bin erleichtert. Aber gleichzeitig auch sehr traurig. Letztes Jahr ließ ich eine Tätigkeit hinter mir, die für mich keinerlei Sinn mehr ergeben hat. Jetzt nehme ich Abschied von einer Arbeit, die so sinnerfüllt war, wie bisher nichts anderes in meinem Leben.

Früher hab ich es immer lang vorher gemerkt, wenn die Tage einer Arbeitsstelle gezählt waren. An einem ganz bizarren Phänomen: die Räume, die Gänge, Türen, Wände … lösten sich plötzlich auf und wurden zu einem 2-dimensionalen, geometrischen Muster. Zu einem abstrakten Bild. Diesmal sah ich es nicht kommen. Die Räume waren an dem Freitag vor 3 Wochen noch sehr 3-dimensional. Sehr real, sehr lebendig. Keine Zeichen an der Wand. Kein Menetekel.

Das macht es schwer loszulassen.

Ein emotionales Auf & Ab gerade. Und so viele Fragen. Wie weitermachen? Was anfangen mit der vielen Zeit? Und was tun mit der unbotmäßigen Waage?  Letzteres ist vielleicht am einfachsten zu klären. Brauche ich überhaupt eine Waage? Hat sie mir irgendwie geholfen abzunehmen, um wieder in die Sachen reinzupassen, die noch für den Fall dass … im Schrank rumliegen ?  Aha. Wie war das noch mal mit dem Entrümpeln? Ich könnte sogar Zeit sparen, wenn das Teil weg ist, so 3 Minuten pro Woche (7x wiegen + 1x Waage putzen + beiseite stellen, um den Fußboden sauber zu machen). OK, Zeit ist momentan nicht das Problem.

Indes: will ich denn eigentlich dauernd gemessen werden? Mich passend machen? Jetzt bin ich doch gezwungen, noch einmal ernsthaft darüber nachzudenken, wo ich eigentlich hinpasse. So wie ich bin.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich danke Dir sehr für diesen wunderbaren Text, ganz besonders für den letzten Abschnitt ( wenn Du für diese Texte wieder mehr Zeit hast, hat es bei aller Traurigkeit auch sein Gutes …).

    Eine Frage, die mir nicht unbekannt ist und an die ich nun wieder von Dir erinnert werde. Wie sehr muss ich mich passend und klein machen, um für einen anderen aushaltbar zu sein?
    Eigentlich gar nicht oder?

    Abgelehnt zu werden, tut weh, gekündigt zu werden tut weh, noch dazu auf diese Art, aber ich bin gespannt, von welchem Standpunkt aus – sagen wir in 2 Jahren – Du rückblickend feststellen wirst, dass es das Beste gewesen ist, das Dir passieren konnte.

    Apropos Waage, wie heisst nochmal der bekannte Diät-Slogan?
    Ich will so bleiben, wie ich bin.
    Du darfst.

    In diesem Sinne
    Anette

    • Danke, liebe Anette! Du hast ja sooo recht … und ich habe JETZT schon ganz viele Aha-Erlebnisse, die ich ohne diese Entwicklung der Dinge nicht gehabt hätte. Vom rationalen Standpunkt aus gesehen, ist es natürlich ganz klar, dass es so am besten ist. Aber dann gibt es noch das Kind in mir, das verzweifelt dazu gehören, gern gehabt werden möchte. Höchste Zeit, dass ich dem ein bisschen Aufmerksamkeit widme, hab ich festgestellt. Überhaupt Zeit, mehr auf sich und nicht so sehr auf das Außen zu hören.

      Das mit der Waage ist natürlich auch so ein Vogel. Ich bin immer und immer wieder erschrocken, wie mächtig das Körperbild der Medien in meinem Kopf immer noch ist. Eigentlich war das eine tolle Werbekampagne von „Du darfst“ – weil sie von einem positiven Selbstbild ausgeht und nicht davon, dass der eigene Körper in erster Linie defizitär ist …

      Ja, ich bin auch verdammt gespannt, wo wir in 2 Jahren sein werden 😀

  2. ..und ich werde alles mitverfolgen…du weißt es ja…dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße…übrigens, will ich mich und Andere auch nicht messen, und auch nicht vermessen sein und werden…

    • danke … ja, und niemand hat gesagt, dass dieser Weg sehr gerade oder übersichtlich sein würde … also weiterlaufen!

  3. Deine Texte begeistern mich von Mal zu Mal mehr….und das Kind in Dir kann ich gut verstehen….
    Das Leben irrt sich nicht, liebe Anne-Katrin. Du hast einen Job beenden müssen, bei dem Du Deine Vielseitigkeit endeckt hast und der Dir eine tiefe Verbundenheit mit wunderbaren Menschen beschert hat. Das allein wiegt alles andere bei weitem auf. Lauf weiter so aufrecht und nimm die vielen Dir geltenden guten Gedanken auf Deinem Weg mit.
    Ich möchte weiter an Deinem Leben Anteil nehmen.

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