Und am Mittwoch kommt die Müllabfuhr

Harlekin

Jetzt feiere ich ein Jahr fröhliches Entrümpeln. Ein Grund zum Feiern? Für mein Geschmack wohnt noch viel zu viel totes Gerümpel mit mir unter einem Dach (und zahlt noch nicht mal Miete). Auch wenn ich schon viel besser geworden bin. Regelmäßig wandert eine Karton mit Zeugs oder eine Tüte mit Klamotten oder gar ein Möbelstück vor die Tür. Was allerdings nach wie vor gar nicht geht: Dinge wegschmeißen. Das schaff ich einfach nicht, auch wenn mich die Suche nach einer neuen Heimat für all die Dinge manchmal ganz schön viel Zeit kostet. Also hab ich beschlossen, aus der Not eine Tugend und aus dem lästigen Zeitaufwand einen Prozess zur Selbsterfahrung zu machen.

GlasDazu muss man noch nicht mal in der Großstadt wohnen. Selbst in meinem kleinen Städtle gibt es immer wieder Gelegenheiten. Die wichtigste ist der bereits besungene Verschenkmarkt der katholischen Gemeinde, der mich auch dieses Jahr an die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit brachte (man muss nämlich seine Kisten – und mein Auto war wie immer voll – so einige Meter vom Parkplatz bis zum Gemeindezentrum schleppen). Nachdem ich mich nun schon seit einigen Jahren zu den Lieferanten zähle, fand ich, es sei dieses Jahr Zeit für einen höheren Schwierigkeitsgrad, und beschloss, den Markt selbst auch zu besuchen.

Einige Stunden nach Eröffnung ist der Andrang noch enorm. Die Tische und Garderobenständer im Gemeindesaal reichen bei weitem nicht aus für alle gestifteten Verschenkartikel, Ware wird immer wieder nachgelegt. Anders als bei einem Flohmarkt entfällt hier das Gefeilsche und Bezahlen. Das Prinzip ist so einfach wie lustig: man zahlt Eintritt und bekommt eine große IKEA-Tüte, die man nach Herzenslust befüllen kann. Reicht die Tüte nicht, zahlt man einfach noch mal. Deswegen ist vermutlich der Geräuschpegel auch halbwegs erträglich. Andächtig wühlen die Menschen in den Bergen von Dingen.

PuppenIch mache mir erstmal den Spaß und scanne die Tische nach Gegenständen ab, die von mir stammen. Schon ein lustiger Wiedererkennungseffekt, wenn man plötzlich auf einem Tisch mit lauter Geschirr, in einem Korb voller Plüschtiere die Vase oder den Pinguin entdeckt, die so lange in der eigenen Wohnung (und meist im Weg) standen. Erleichterung: ich verspüre nicht ein einziges Mal den Impuls, den Gegenstand wieder in die Tasche zu stecken. Es gibt diesen Impuls auch bei den restlichen Artikeln nicht. Naja, fast: als ich eine kleine Teekanne aus braunem Steingut sehe – so eine wie die, aus der wir früher, vor 30 Jahren beim Abendessen unseren Tee getrunken haben – schau ich doch mal genauer hin. Glücklicherweise ist da so ein häßliches Überzieherle aus Plastik über der Tülle und ich lass sie stehen. Ganz stolz gebe ich meine leere IKEA-Tüte am Eingang wieder ab, habe somit das Eintrittsgeld für soziale Projekte in Waldenbuch gespendet und meine Konsum-Immunität unter Beweis gestellt.

Dann gibt es da noch eine 2. Kategorie von leblosen Mitbewohnern und das sind die Dinge, die man ja schon gern benutzen würde, aber nicht kann, alldieweil sie kaputt sind.

Wenn eines immer wieder an mir nagt, dann sind das meine fehlenden handwerklichen bzw. elektrotechnischen Fähigkeiten. Mist! Warum hab ich mir als Kind nicht mal einen Elektro-Baukasten zu Weihnachten gewünscht? Und im Single-Haushalt kann man dann nicht eben mal auf kompetente Mitbewohner (meist anderen Geschlechts) ausweichen. Meine Nichte hat es da besser, sie lässt die Schadensfälle in ihrer Spielzeugkiste „paparieren“. Und wenn der Papa dann zu beschäftigt ist mit anderen Dingen, nimmt sie auch schon mal gnädig mit der Option des „Oparierens“ vorlieb. Es lebe die Großfamilie.

BohrmaschineUnd ich? Bisher habe ich abgewogen: Kosten einer Neuanschaffung vs. Kosten einer Reparatur beim Hersteller oder in einer Fachwerkstatt. Und so ist dann so manches im Prinzip noch verwendbare Gerät in den Müll gewandert. Aber jetzt gibt es ja hier im Städtle ein Repair Café. Direkt vor meiner Haustür. An jedem 3. Samstag im Monat.

Bewaffnet mit einem Kopfhörer, bei dem vermutlich das Kabel irgendwo gebrochen ist (jedenfalls hört man auf der rechten Seite nichts mehr), mache ich mich auf den Weg in den Sonnenhof. Sehr freundlich werde ich am Empfang begrüßt und darf gleich einen Fragebogen zu mir und meinem Patienten ausfüllen. Das fällt mir nicht leicht, denn Raum knistert förmlich vor Energie. Im Augenwinkel nehme ich die vielen Tische wahr, an denen hochkonzentriert gearbeitet wird, und möchte am liebsten gleich losrennen und gucken. Die Begeisterung ist körperlich spürbar, in einer Weise, die ich noch nicht erlebt habe.

Ich werde zu einer der 12 Stationen geschickt, die jeweils bestimmten Gewerken zugeordnet sind, die meisten natürlich elektrotechnischen Themen. Auf den anderen Tischen liegen Geräte neueren Datums, etwa Bohrmaschinen, Staubsauger, aber auch Dinge mit Retro-Charme, eine alte Nähmaschine oder ein antiquiertes Radiogerät. Und zwischendrin das große Maul eines Aufzieh-Plastik-Krokodils, das nicht mehr mit den Zähnen klappern mag.

RadioMein Kopfhörer wird fachgerecht zerlegt und bei der Gelegenheit ist festzustellen, dass Sennheiser doch nach wie vor solide Wertarbeit macht. Bei manchen Geräten sieht man wohl bereits an den Innereien, dass eine lange Lebensdauer nicht erwünscht ist … Das Problem liegt aber nicht, wie von mir vermutet, an der Ohrmuschel, sondern direkt am Stecker, wo ein Draht defekt ist. Und der Stecker lässt sich, trotz einiger Versuche, nicht öffnen, die Kabel sind in den Kunststoff eingegossen. Also muss ich einen neuen Stecker besorgen. Ist doch gar nicht schlecht. Schon habe ich einen Grund, in 4 Wochen wiederzukommen.

Ich bin fasziniert von der Energie, die die Ehrenamtlichen hier aufbringen, um für jedes Problem eine Lösung zu finden. Meist stehen mehrere an einem Tisch, durchdenken das Problem, machen Vorschläge, wie es gelöst werden könnte. Mit Ruhe und gleichzeitig mit ganz viel Spaß an der Sache und an der Gemeinsamkeit.

RepairDer Status der Reparatur wird im Protokoll festgehalten und mit meinem sezierten Stecker in der Tasche begebe ich mich nach nebenan. Nach dem „Repair“-Teil ist nun „Café“-Zeit. Kaffee und ein liebevoll hergerichtetes Kuchen-Buffet stehen zur Stärkung bereit (eigentlich habe ICH doch gar nicht gearbeitet) und außerdem kann man ein Schwätzchen halten mit den Mitarbeitern und anderen Besuchern. Die Nachricht, dass Kopfhörer reparabel sind, stößt auf Interesse bei einem Vater („Dann bringen wir nächstes Mal Deinen kaputten Kopfhörer mit.“), indes weniger bei seiner kleinen Tochter („Aber ich hatte mir doch schon diesen tollen neuen von Violetta ausgesucht!“).

Ach ja, beinahe hätte ich ganz vergessen, dass das, was wir hier treiben, gar nicht so im Interesse des Bruttosozialproduktes ist. „Die Gabentische werden immer bunter und am Mittwoch kommt die Müllabfuhr und holt den ganzen Plunder“ sang Geier Sturzflug 1982 und die CDU mochte das damals noch naiv für eine Hymne zur Ankurbelung der Wirtschaft halten. Nichts kaufen, nichts wegschmeißen – wie sollen wir denn da unsere hehren Wirtschaftswachstumsziele einhalten? Nein, Kritik am Repair Café hätte es noch keine gegeben, berichtet man mir. Aber es wird auch mit den lokalen Firmen zusammen gearbeitet. Wenn etwa bei einem hergerichteten Fahrrad noch neue Reifen benötigt werden, kommt der hiesige Fahrradladen zum Zug. Und nicht nur Nachhaltigkeit, sondern auch Nachbarschaft wird gestärkt. Das Repair Café ist eines von vielen Projekten von „Aktiv in Waldenbuch“, einer Interessenbörse, die Menschen mit gemeinsamen Interessen zusammenführt.

Finde ich toll. Und jetzt? Der Kopfhörer hat seine Diagnose, ich habe Kaffee getrunken und einen leckeren Muffin verzehrt. Kurzentschlossen hole ich noch meine Digitalwaage von Zuhause, vielleicht kann mir das Repair-Team ja noch auf der Suche nach den verloren Kilos helfen. Aber da muss ich dann ja irgendwie nachweisen, dass ich tatsächlich 3 Kilo mehr wiege, als das bockige Teil anzeigt. Die Problemlösung ist so ungewöhnlich wie unterhaltsam. Die Hälfte des Teams klettert (nacheinander) auf die Waage und befindet jedesmal, dass das Ergebnis schon irgendwie stimmt. Schließlich variiere das Gewicht immer ein bisschen und außerdem sei es ja eigentlich Unsinn, jeden Tag auf die Waage zu steigen. Weibliches Problemzonendenken trifft auf männliche Pragmatik. Dann darf die Waage wohl nächstes Jahr mit zum Verschenkmarkt …

Am Abend berichte ich begeistert von meinen Erlebnissen im Sonnenhof. Sie hätte da noch dieses kaputte Rührgerät, sagt meine Freundin. Ob sie mir das vielleicht mitgeben könne … Und ich bin beruhigt: die Gründe, das Repair Café zu besuchen, werden mir so schnell nicht ausgehen.

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