Grünkraft

Baum auf Hvar

Ab in den Wald! Als kleines Kind habe ich die Spaziergänge mit meinen Großeltern im Göttinger Wald geliebt. So sehr, dass ich als Studentin, entnervt nach vier Jahren Großstadtleben, nach Göttingen gezogen bin. Der Wald war dort immer nur ein paar Schritte entfernt. Jetzt bin ich innerhalb von Minuten im Schönbuch. Ich kann mich nicht erinnern, dass es eine Phase in meiner Kindheit gab, in der Sonntagsspaziergänge nervten. Dafür erinnere ich mich an wunderbare Walderlebnisse im Hunsrück, im Schwarzwald, an abenteuerliche Erkundungsgänge und beinah mystische Erfahrungen im Märchenwald. Angst hatte ich nicht, aber ein bisschen Nervenkitzel war schon immer dabei, vor allem wenn es Höhlen zu erkunden und Felsen zu beklettern gab. Ziemlich oft allein. Rückblickend hätte ich wohl nicht meine Mutter sein mögen.

Die Autorin und ihr Bruder beim Waldbaden

Die Autorin und ihr Bruder beim Waldbaden

Wenn ich also mal von all den Schrammen, Blasen und Blessuren absehe, von Erschöpfungszuständen und sonstigen Nebenwirkungen, war es mir immer schon irgendwie klar, dass „Wald“ gut für mich ist.

Die Japaner haben das jetzt auch entdeckt und das „Waldbaden“ (Shinrin-yoku) schwappt als neuer Wellness-Trend über die USA nach Deutschland. Das ist schon ein bisschen lustig. Therapiezentren im Wald und geführte Waldwanderungen zu Heilzwecken. Sehr alter Wein in neuen (und nun kostspieligen) Schläuchen. Zumindest in Deutschland, wo der Waldspaziergang allein oder mit dem Wanderverein ja Teil unserer Kultur ist und – bis auf den gelegentlichen Kauf vernünftiger Laufschuhe – nichts kostet. In Japan gab es das bisher nicht in dem Maße, die Wälder wirkten unzugänglich und angsteinflößend, hatten allenfalls einen zweifelhaften Reiz für Menschen, die sich das Leben nehmen wollen (wie das Waldgebiet Aokigahara, in dem sich jährlich an die hundert Menschen suizidieren und zum Teil nie wieder aufgefunden werden).

Immerhin haben die Japaner das Verdienst, die gesundheitlich förderliche Wirkung des Waldaufenthaltes wissenschaftlich nachgewiesen zu haben. Waldluft steigert die Abwehrkräfte. Nach ausgedehnten Waldspaziergängen wird die Anzahl der Killerzellen, die Krebs, Tumore, Viren bekämpfen, um 50% gesteigert und Anti-Krebs-Proteine werden vermehrt produziert. Nach 2 Stunden im Wald hält die Wirkung 7 Tage an, für einen dauerhaften Effekt müsste man 2 Tage pro Monat in einem Waldgebiet verbringen. Auch konnte man nachweisen, dass Menschen, die am Waldrand wohnen, eine geringere Krebsrate haben. Die Waldatmosphäre aktiviert den Parasympathikus, den „Ruhenerv“, die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol nehmen ab und auch Bluthochdruck und Blutzuckerspiegel sinken.

Am Albtrauf

Am Albtrauf

Wie funktioniert das denn nun?

Da fängt es an, spannend zu werden. Und ein ganz neuer Blick auf den Wald tut sich auf. Bäume kommunizieren untereinander, sie warnen sich gegenseitig vor Schädlingen, rufen gezielt bestimmte Insekten herbei, die die Schädlinge fressen, und fahren, einmal gewarnt, ihr Immunsystem hoch. Sie können sogar kurzfristig Giftstoffe in ihre Blätter einlagern, um Fressattacken abzuwehren.

Das funktioniert auf biochemischer Ebene, durch Terpene, die über die Waldluft zum nächsten Baum transportiert werden. Vorteil: die Nachricht ist ruckzuck beim Nachbarn, Nachteil: die Reichweite ist gering und der Wind muss richtig stehen. Es gibt aber noch andere Kommunikationskanäle: das sogenannte Wood Wide Web, Pilzfasern im Boden, die die Wurzeln der Bäume untereinander verbinden und über die Informationen chemisch oder elektrisch weitergeleitet werden. Und nicht nur Nachrichten werden übermittelt, auch Nährstoffe werden transportiert, etwa an junge oder schwächere Exemplare der eigenen Art. Es kristallisiert sich das Bild einer sozialen Gemeinschaft heraus, in der gegenseitige Unterstützung das gemeinsame Überleben gewährleistet. (Das gilt für den natürlich gewachsenen Wald, nicht unbedingt für Forstplantagen, die zur reinen Holzgewinnung angelegt werden.)

WurzelnAuch am Wald zeigt sich die Tendenz aller Lebewesen, sich miteinander zu verbinden. Und sie beschränkt sich nicht auf die eigene Gattung. Zumindest bei der biochemischen Kommunikation, durch die Terpene in der Waldluft, die eben auch das menschliche Immunsystem ansprechen und positiv beeinflussen. Und sicher auch auf der Ebene des Unbewussten (deren Betrachtung hier definitiv den Rahmen sprengen würde).

Baum und Mensch – eine magische Beziehung? Schöpfungsmythen, nach denen die Menschen von den Bäumen abstammen, gibt es in der ganzen Welt. In der nordischen Mythologie waren es Baumstämme am Meeresstrand, aus denen die Götter das erste Menschenpaar schufen: Ask und Embla – Esche und Ulme. Das magische Band sah im Mittelalter auch die Mystikerin Hildegard von Bingen, die heute vor allem für ihre pflanzenheilkundlichen Rezepturen bekannt ist. Die „Grünkraft“ (Viriditas) war ihrer Ansicht nach eine Kraft, die der gesamten Natur innewohnt und die die Grundlage jeder Heilung ist. Zur Stärkung der Grünkraft empfahl schon sie den Aufenthalt in der Natur, etwa das Wandern.

Soweit die gute Nachricht.

Der Wald hilft uns – aber ist dem Wald noch zu helfen?

Während global agierende Unternehmen heute kaum weiter als bis zum nächsten Quartalsende denken können, muss sich die Forstwirtschaft an ganz anderen Zeithorizonten orientieren und immer schon 100 Jahre im Voraus planen. Welche Bäume muss ich heute pflanzen, damit mein Wald unter den zukünftigen Bedingungen überlebensfähig ist? Zwei Faktoren gibt es in dieser Planung, die schier nicht berechenbar sind: der Klimawandel und die Globalisierung.

Am Albtrauf

Am Albtrauf

Wie hoch fällt die Klimaerwärmung aus und welche Baumarten sind geeignet, unter den veränderten Klimabedingungen zu gedeihen? Und welche Schadorganismen gelangen durch den globalen Handel in unseren Wald, wie sehr gefährden sie unseren Baumbestand? Dabei beeinflussen sich diese Faktoren gegenseitig: Wetterextreme wie lange Hitzeperioden beeinträchtigen die Abwehrkräfte der Bäume und eingeschleppte Schädlinge haben leichtes Spiel.

Birkensee im Schönbuch

Birkensee im Schönbuch

Welchen Gehölzen gehört also die Zukunft? Die Ulme ist bereits so gut wie ausgestorben – dank eines aus Asien eingeschleppten Pilzes. Die Esche galt bisher als optimaler Baum für den Klimawandel, doch auch hier hat ein Schlauchpilz aus Asien, das Falsche Weiße Stengelbecherchen, die Hoffnung erheblich gedämpft: das Eschentriebsterben ist mittlerweile fast überall in Europa verbreitet. In Asien sind die Eschen resistent gegen diesen Pilz, in Deutschland nur ein geringer Prozentsatz des Bestandes. Die Samen der resistenten Bäume werden gesammelt, um eine widerstandsfähige Variante zu züchten. Das kann dauern. Derweil lauert schon der nächste Widersache der Esche, der japanische Eschenprachtkäfer, der in USA bereits riesige Bestände vernichtet hat. Erste Vorkommen sind schon in der Moskauer Gegend beobachtet worden und es ist nur eine Frage der Zeit, dass der Schädling auch in die deutschen Wälder gelangt. Der Käfer legt aus eigenem Antrieb keine weiten Strecken zurück, aber etwa das Holz von Verpackungen ist für ihn ein geeignetes Vehikel für Fernreisen.

Es sind nicht nur die Exoten, die als blinde Passagiere einreisen und sich über unsere Wälder hermachen. Der Eichenprozessionsspinner, Verursacher des Eichensterbens, gehört zur heimischen Fauna und war lange Zeit keine ernsthafte Gefahr. Nach den Trockenjahren kam es allerdings zu einer Massenvermehrung und der Schädling wurde zur Bedrohung. Der Blattfraß könnte mit Chemikalien verhindert werden, die Mittel werden aber nicht zugelassen, weil sie auch nützliche Insekten treffen.

Kernfrage bleibt die nach dem Klimawandel. Bleibt es bei einer moderaten Erwärmung von maximal 2,5 Grad, haben heimische Arten wie etwa die Buche eine Chance. Gelingt es der Weltgemeinschaft nicht, den Schadstoffausstoß zu drosseln, können wir Abschied nehmen von dem uns vertrauten Bild des Waldes. Hitzesommer werden die Regel und unsere Landschaften werden mediterranen Charakter annehmen.

Auf dem Darss - Weststrand

Auf dem Darss – Weststrand

Ist es ein Zufall, dass es ausgerechnet Esche und Ulme sind, die sich als erstes aus unseren Wäldern verabschieden? Ask und Embla, nach der Edda die Eltern des Menschengeschlechts. Zerreißt irgendwann das magische Band zwischen Baum und Mensch?

Literatur:

  • Clemes Arvay. Der Biophilia-Effekt. Heilung aus dem Wald. edition a, 2015.
  • Peter Wohlleben. Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt. Ludwig Buchverlag, 2015.
  • Bäumchen wechsle dich. Die Zukunft deutscher Wälder. Von Volker Mrasek. Deutschlandfunk 2014. Skript der Sendung

 

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