Ex und hopp

Bestattungen – ein todsicheres Geschäft? Naja, zumindest dann, wenn man seine Geschäftsmodelle dem Wandel der Zeit anpassen mag. Das Beharren auf dem Althergebrachten treibt so manche (Angst-)Blüten:

So beklagt Oliver Wirthmann, Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur, in einer Pressemitteilung, dass Ruhefristen auf Friedhöfen oft nur einmal in Anspruch genommen und nicht verlängert werden. „Das führt dazu, dass Identitätsorte für Familien und Menschen verloren gehen. Die Ex- und Hopp-Mentalität wirkt sich auch hier aus.“

Nanu? Seit wann sind 30 Jahre „Ex und Hopp“? (Mal abgesehen davon, dass in Zeiten, in denen der Platz auf Friedhöfen noch knapp war, eine Verlängerung bei vielen Gräbern gar nicht möglich war …) 30 Jahre ist die Ruhefrist für das Grab meiner Großeltern. Da meine Großmutter erst viele Jahre nach ihrem Mann gestorben ist, wird das Grab (so man es nicht verlängert), 56 Jahre in der Familie gewesen sein. Die Ruhefrist läuft 2032 aus. Dann ist meine Mutter 91.

Bei aller Pietät, vielleicht kann (oder will) nicht jeder in dem Alter eine Doppelgrabstätte beackern oder sich eine teure Grabpflege leisten. Selbst wenn man das Grab auflässt und die Gemeinde schnöden Rasen pflanzt und pflegt, fallen immer noch 60 Euro Pflegegebühr an. Sind dann noch mal knapp 1000 Euro, die da jetzt fällig wären.

Das mangelnde Interesse an einer dauerhaften Grabstelle schreibt der Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Bestatter, Dr. Rolf Lichtner, der wachsenden Mobilität der Gesellschaft zu (was dann als Grund zumindest nicht ganz so vernichtend ist, wie die „Geiz ist geil“-Denke), fordert jedoch:
„Verstorbene sollen nicht in diese Mobilität einbezogen werden“.

Natürlich ist die räumliche Verortung der Erinnerung an Verstorbene ein Jahrtausende altes Konzept. Aber ganz so neu ist auch Idee eines ortsunabhängigen Gedenkens nicht. Das finden wir schon in Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“, in denen sich die Baronin Charlotte mit den Dorfbewohnern anlegt, als sie den verwilderten Kirchhof aufräumt und in einen schönen Park verwandelt. Die Grabsteine reiht sie dem Alter nach geordnet an der Kirchhofsmauer auf, quasi als ein Freiluft-Museum der Ortsgeschichte. Die Betroffenen aber vermissen ihre begehbare Erinnerungstopografie – und vielleicht hängen sie sogar der Vorstellung an, dass der Verstorbene am Ort seines Begräbnisses in irgendeiner Form präsent ist. So haben die alten Germanen angeblich ihre Thing-Versammlungen immer auf dem Friedhof abgehalten, damit auch die Ahnen dem Ganzen beiwohnen konnten.

Charlotte indes findet, dass das Bildnis eines Verstorbenen doch eine viel bessere Möglichkeit ist, sich zu erinnern. Vielleicht fände sie es heutzutage auch gut, im Internet Kondolenzseiten zu besuchen und eine virtuelle Kerze aufzustellen. Goethes Dorfbewohner hätten allerdings vielleicht auch angefangen, Straßenkreuze für die bei Autounfällen ums Leben Gekommen aufzustellen. Was sagt der Bestatterverband eigentlich dazu?

Ich muss gestehen, dass ich nur dann am nämlichen Grab war, wenn ich meiner Mutter beim Tragen der Gießkannen helfen wollte. So sehr ich alte Friedhöfe liebe, und so sehr sie mich faszinieren – nach meinen Großeltern habe ich dort nie gesucht. Auch Bildnisse von den beiden hab ich nirgendwo stehen. Ex und hopp? Ich würde mal behaupten, dass ich fast täglich an die beiden denke. Vor allem jetzt im Frühling, wenn im Wald ein Buchfink zwitschert oder ich meine geliebten Himmelschlüssel finde. Meine Großeltern machen einen wesentlichen Teil von dem aus, was ich bin. Auch mein Großvater, obwohl ich erst 8 war, als er starb. Er ist ein Teil meiner Melancholie genauso wie meiner unbändigen Freude am Leben.

Ein Baumgrab hätte für beide wunderbar gepasst, für meine Omi wie für meinen Opo. Die Zeit war damals noch nicht so weit. Heute würde ich sie dort hinbringen. Und würde trotzdem nicht diesen einen Baum besuchen müssen, denn sie sind für mich einfach überall in der Natur. Und in meinem Kopf.

Neulich habe ich die Wünsche für meine Bestattung schriftlich niedergelegt. Wenn man einmal begriffen hat, was dabei alles „schief“ gehen kann, wird einem das wichtig. Wie also möchte ich bestattet werden?

Meinem Faible für Melodramatik entsprechend würde ich am liebsten auf einem brennenden Schiff aufs Meer hinaus treiben – so beschreibt die Edda die Bestattung des germanischen Gottes Baldr. Da protestiert allerdings mein ökologisches Gewissen. Wenn es dann dereinst möglich und erlaubt ist, könnt Ihr die Asche einfach irgendwo verstreuen. Am liebsten im Wald oder auf dem Meer. (Wenn nicht, bitte in eine Urne und in einen Bestattungswald damit.)

Da protestiert wiederum Herr Wirthmann und sagt über das Verstreuen: „Es gibt keinen speziellen Ort, an dem Angehörige trauern können. Es ist ein Aufgehen im Nichts, was der Hochschätzung der Individualität eines Menschen widerspricht.“ Ja, es gibt Menschen, die diesen einen Ort brauchen. Ich weiß von einer Frau, deren Mutter ihrem eigenen Wunsch zufolge in einem anonymen Urnengrab bestattet wurde. Die Tochter jedoch brauchte den Ort, um ihre Trauer zu verarbeiten. Sie hat irgendwann die Urne ausgraben und in einem namentlich bezeichneten Grab bestatten lassen.

So muss jeder für sich selbst herausfinden, was ihm am besten hilft zu verarbeiten und zu gedenken. Letzten Endes ist die Form der Bestattung ja vor allem für die Über-Lebenden wichtig. Sehr unglücklich finde ich es, wenn die Kritik an „neuen“ Bestattungsformen so unverhohlen mit den wirtschaftlichen Interessen derer verquickt ist, die sie äußern.

PS:
Der Begriff „Ex und hopp“ im Hinblick auf Bestattungen wurde übrigens zum ersten Mal von der Bestatterlegende Fritz Roth im Jahre 2008 gebraucht. Er hatte allerdings etwas ganz anderes im Sinn und wandte sich gegen das Unwesen in der Bestatterbranche, die Verstorbenen möglichst schnell in ein Krematorium zu entsorgen und womöglich noch Provisionen dafür zu kassieren. Er formulierte provokant „Lassen Sie sich Ihre Toten nicht stehlen“ und plädierte dafür, sich Zeit für den Abschied von den Verstorbenen zu nehmen.

PPS:
Die Pressemitteilung des Kuratoriums für Bestattungskultur stammt vom November 2015. Kurios ist allerdings, dass die gleiche Mitteilung bereits im Januar 2014 veröffentlicht wurde. Der Wortlaut ist fast identisch, allerdings sind die Urheber der Zitate leicht verändert …

Gießkannen-Orgel

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