Flugmodus

Anlässlich meiner Rückkehr zu Facebook nach einer sechsmonatigen Auszeit habe ich ein paar Betrachtungen über die Rolle von Smartphone und Social Media in meinem Leben angestellt. Diese Betrachtungen haben keinerlei Anspruch auf Originalität. Und – es geht hier vor allem um mich! Von meinen Bewertungen möge sich bitte keiner auf den Schlips getreten fühlen. Jeder tickt anders. Und ich vermute mal, dass vieles von dem hier Beschriebenen für die Generationen nach mir kein Thema mehr ist.

Ist der Wandel, den meine Generation erlebt, ein besonders dramatischer, oder werden die Entwicklungen für spätere Generationen ähnlich disruptiv sein? Aufgewachsen mit einem Telefon, das auf einem kalten Flur stand und mittels Kabel fest mit der Wand verbunden war, mit einem Fernsehgerät mit Drehknopf und 3 Sendern und einem 20-bändigen Brockhaus als ultimativer Quelle der Gelehrsamkeit, frage ich mich zuweilen, wie die Welt sich in 25 Jahren so hat verändern können.

Dabei halte ich mich durchaus für technikaffin und spielfreudig. Anfang der 90er entdeckte ich das Internet, kommunizierte begeistert in Newsgroups mit aller Welt und war ein bisschen beleidigt, als mit Erfindung des World Wide Web das alles auch für Nichteingeweihte via Klick erreichbar war, ohne technisches Geheimwissen. Dank etwas krimineller Energie und den richtigen Freunden hatte ich eine Standleitung ins Internet, als andere sich noch mit fiepsenden Modems rumärgerten, sprach fließend HTML und träumte von der vollendeten Webpage, die gleichermaßen durch die optische Ästhetik wie die Schönheit ihres Codes überzeugen würde.

Zum ersten Mal nonstop online: Tux wacht über die Funkbrücke ins Internet

Zum ersten Mal nonstop online: Tux wacht über die Funkbrücke ins Internet

Und gleichzeitig war die Uni-Bibliothek in Göttingen mein Tempel, in dem ich tagelang über Texten, die einen Geruch hatten, meditieren konnte, und in dessen Krypta ich die von den Gebrüdern Grimm handgeschriebenen Kataloge hin und wieder andächtig aufschlug, auch wenn ich gar kein Buch suchen wollte.

Mittlerweile weiß ich gar nicht mehr, wie man etwas ohne Internet recherchiert. Sei es für die Blogbeiträge oder das nächste Mittagessen. Selbst wenn ich zeichne, suche ich mir meine Motive mittels Google-Bilder-Suche.

Was mir als erstes abhanden kam, war indes die Konzentration. Zunächst bei der Arbeit, wenn Mail, Telefon, Messaging und die offene Bürotür alles gaben, um mich aus meiner aktuellen Aufgabe rauszukegeln. Dann nahmen auch im Privaten die Unterbrechungen zu. Und ich bemerkte zu meinem Schrecken, dass ich sie nicht nur lästig fand, sondern anfing, sie nachgerade zu suchen, wenn ich mich vor einem anspruchsvolleren Vorhaben drücken wollte. Erst via IRC, dann bei Facebook, schließlich dank Smartphone jederzeit und überall.

Ins Netz gegangen

Ins Netz gegangen

Müssen wir uns Sorgen machen? Prof. Markowetz meint ja und malt den Digitalen Burnout an die Wand. Er hat ab 2014 die Smartphone-Nutzung von 60.000 Menschen untersucht und kommt zu folgender Statistik: 88 Mal am Tag schalten wir den Bildschirm unseres Handys ein. 35 Mal nur, um auf die Uhr zu schauen oder um zu sehen, ob Nachrichten da sind. 53 Mal benutzen wir tatsächlich Apps. Ausgehend von 16 wachen Stunden pro Tag unterbrechen wir also alle 18 Minuten unsere Tätigkeit, um mit dem Handy zu interagieren. Dieser Durchschnitt wurde quer über alle Altersgruppen und sozialen Schichten ermittelt.

Der Durchschnittsnutzer verbringt zweieinhalb Stunden am Tag mit seinem Handy. Davon entfallen nur 7 Minuten aufs Telefonieren. Auch die kleinen Helferlein wie Navi, Banking oder Wettervorhersage machen durchschnittlich nicht mehr als 10 Minuten aus. Den Großteil der Zeit verbuchen Social Media, Messaging und Spiele.

„Eine solch exzessive Nutzung unserer Smartphones ist nicht normal“, schreit der Juniorprofessor der Informatik entsetzt auf. Da war ich denn doch etwas belustigt. Wenn der Durchschnitt am Tag nun mal 2,5 h mit dem Handy verbringt und es 88 x anmacht, dann ist doch gerade DAS normal, oder? (Ich persönlich find es ja auch nicht normal, dass die Mehrheit der Menschen einer Arbeit nachgeht, die sie nicht gerne macht, oder dass die durchschnittliche Familie mehrere Autos besitzt. Und da kräht keiner nach.)

Die Frage ist vielleicht nicht, was normal ist, sondern eher, was wir wollen und was wir bekommen. Bei der Suche nach einer Antwort stieß ich bald auf eine janusgesichtige Gottheit der Gegenwart: die Aufmerksamkeit. Ich gebe zu, ich brauche sie mehr als mir lieb ist – die Aufmerksamkeit der anderen. Ich guck dauernd aufs Handy, ob ich eine Nachricht bekommen hab. Ich zähle die Likes unter meinem Blog-Artikel. Wenn ich ein besonders schönes Foto gemacht hab, freue ich mich nicht einfach, sondern denk gleich daran, es irgendwo zu posten. Aber je mehr ich mich auf diese Seite des Gesichts konzentriere, desto mehr leidet die andere, nämlich meine eigene Aufmerksamkeit. Das heißt: die Konzentration, die Achtsamkeit, das Sein im Augenblick.

Nochmals: das ist meine persönliche Bilanz, aus der ich keine Norm ableiten will. Ich kann mir durchaus Menschen vorstellen, die glücklich damit sind, die einen Modus finden, in einer solcherart fragmentierten Welt erfolgreich und erfüllt zu leben und arbeiten.

Letzten Endes läuft es auf das Gleiche hinaus wie bei allen anderen Problemen auch – und das Smartphone ist plötzlich gar kein „neues“ Problem mehr: ich muss für mich herausfinden, was mir gut tut. Und dabei ist es egal, ob es für die Mehrheit der Menschen gut ist oder bloß für einige oder tatsächlich nur für mich. Wenn mir mein Job nicht gut tut, mein Essen oder meine Beziehungen zu anderen Menschen, dann habe ich es in der Hand, das zu verändern. Manchmal ist das schwer oder sogar schmerzlich, aber es ist möglich. Warum sollte es denn nun ausgerechnet beim Handy, bei den sozialen Medien anders sein?

So habe ich mich vor einem halben Jahr bei Facebook komplett ausgeklinkt und auch die Blogschreiberei ziemlich eingestellt. Es war keine digitale Nulldiät, es gab ja immer noch Mail, WhatsApp und generell das Internet zu Recherchezwecken aller Art. Aber eine Zeitreise in die 80er war ja auch nicht mein Ziel. Um es vorwegzunehmen: ich bin zurückgekehrt und hatte gute Gründe dafür. Indes sehe ich jetzt viel schärfer, was ich will und was ich brauche.

Zunächst einmal war ich erschrocken, wie sehr ich abgekoppelt war. Vor allem Veranstaltungen im musikalischen Umfeld sind mir durch die Lappen gegangen. Ich hätte diese natürlich mit etwas Aufwand recherchieren können, aber ich war es schon gewohnt, dass ich durch meinen Freundeskreis informiert/eingeladen werde. Auch Ereignisse im Leben von Freunden hab ich verpasst – denn diese sind es auch nicht gewohnt, dass sie jemanden noch zusätzlich informieren müssen. Der Post bei Facebook reicht ja. Am meisten aber habe ich Inspiration und Austausch vermisst. Inspiration zum Beispiel durch besondere Musik, die Freunde entdecken und teilen. Oder durch das Gespräch, die Auseinandersetzung, die ganz spontan entstehen und sich anders als in einem statischen Mailwechsel „aufschaukeln“ kann und plötzlich ganz ungeahnte Wendungen nimmt. Rückmeldung und Bestätigung sind natürlich auch ein wichtiger Punkt, siehe oben unter „Aufmerksamkeit“.

Ich hab wirklich einiges vermisst – aber als ich dann den Entschluss gefasst hatte, wieder online zu gehen, hatte ich einen ziemlichen Kloß im Hals und hab das Ganze immer wieder herausgezögert. Stichwort: Hirnvermüllung. Okay, die komplett sinnfreien Posts will ich gar nicht mal betrachten. Gleich danach kommen die salbungsvollen Kalendersprüche, die mit Hilfe einer ansprechenden Grafik aufgemotzt sind, damit sie überhaupt jemand liest.

Das Schlimmste aber ist für mich die Betroffenheits- und Empörungskultur. In Castrop-Rauxel malträtiert einer eine Katze – und Tausende Nutzer teilen diese Information und sagen mir, wie sie schlimm sie diese Welt finden. Bitte nicht falsch verstehen: ich liebe Katzen, ich finde das auch schlimm, und der Typ wird hoffentlich bestraft. Aber wem ist damit gedient, wenn diese Info zigfach durch die Gegend gespammt wird. Das ist natürlich ein ganz dünner Grad, auf dem ich hier balanciere. Ganz unbestritten ist es ein Vorteil, dass durch die sozialen Medien Missstände öffentlich gemacht werden, die an den Mainstream-Medien vorbei gehen würden. Stichworte: TTIP, Monsanto, industrielle Tierhaltung etc.

In meiner Facebook-freien Zeit hab ich mich auch auf dem Laufenden gehalten über die Entwicklungen in der Flüchtlingsproblematik. Aber ich war froh, von den endlosen Debatten verschont zu sein, von den rechten Dumpfnasen wie von den empörten Gutmenschen. Facebook verführt vielleicht auch ein bisschen zu der Annahme, man könne JEDE gute Sache zu der seinen machen. Nein, ich kann das nicht, ich bin nicht für alles verantwortlich, und es ist niemandem damit gedient, wenn ich mich in den Schlaf weine.

Meine (!) Survival-Maßnahmen

Zuviel Information ...

Zuviel Information …

  • Benachrichtigungen soweit wie möglich abschalten. Nur noch persönliche Nachrichten werden angezeigt.
  • Personen, die sich negativ auf den Blutdruck auswirken, komplett blockieren. D.h. die können auch nichts mehr von mir lesen.
  • Personen, die aufgrund von Beitrags-Qualität oder -Quantität einfach nur nerven, nicht mehr abonnieren. Man bleibt trotzdem befreundet.
  • Strikte Diät beim Annehmen von Freundschaften und Liken von Seiten. Auch wenn ein ganz lieber Freund mich eingeladen hat, die Seite der Veganen Kindertagesstätte Wiesmoor mit „Gefällt mir“ zu markieren … außer dem unbestimmten Gefühl, dringend mal wieder Stenkelfeld hören zu müssen, hab ich ja nichts davon.
  • Gezielt nach den Freunden, Seiten und Informationen schauen, die einen weiterbringen und inspirieren, und diesen dann die volle Aufmerksamkeit widmen.

Und so oft wie möglich in den Flugmodus schalten. Die unterbrechungsfreie Zeit genießen. Ganz in der Gegenwart sein. Neulich habe ich mir den Luxus gegönnt, mit der Hand einen langen Brief an eine alte Freundin zu schreiben. Sie hatte Geburtstag und sie hat sich sicher gefreut – aber das größere Geschenk habe ich mir selbst gemacht. Mehrere Stunden lang volle Konzentration, nur das Kratzen des Füllfederhalters auf dem Papier, kein Bildschirmgeflacker, kein Gepiepse.

Fazit: Ich finde Smartphones genial, und ich möchte bestimmte Aspekte von Social Media absolut nicht mehr missen. Der Umgang damit hat mir aber auch gezeigt, wie wichtig mir Selbstbestimmung ist. Ich werde vermutlich noch einige derartige technologische Veränderungen erleben. Und ich will dann diese neuen Technologien nicht nur verstehen und ggf. nutzen können, sondern auch erkennen, was sie in meinem Leben verändern, was ich davon zulassen will und was nicht.

Skeptisches Postskriptum:

Das alles kann man natürlich fröhlich postulieren, so lange der soziale und vielleicht wirtschaftliche Druck es erlaubt. In der Zeit meiner Abstinenz etwa hat Facebook ein neues Feature für Seiten eingeführt – die Reaktionszeit. Wenn es auf den Seiten der Konkurrenz heißt, „antwortet normalerweise innerhalb von Minuten“, dann fühle ich mich vielleicht auch irgendwann bemüßigt, einen solchen „Service“ anzubieten. Vor allem, wenn nicht nur Aufmerksamkeit, sondern Aufträge bzw. Kunden dranhängen.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe A.,

    als du Herzklopfen hattest, bei dem Gedanken wieder „on“ zu gehen, wollte dein Körper dich warnen. Wer weiß besser, als dein Herz, was gut für dich ist?

    Ich hoffe du fühlst dich niemals bemüßigt diesen „Service“ anzubieten.
    Man kann es nicht kontrollieren – nicht so wie wir uns das wünschen würden. Im Netz ist nichts umsonst, das hat alles seinen Preis, aber den kennen wir noch nicht.

    Ich erinnere mich sehr gut an ein Gespräch, welches wir über dieses Thema vor ziemlich genau zehn Jahren geführt haben. Mir ist vollkommen klar: In dieser Zeit ist sehr viel geschehen. Und dennoch: Deine Haltung damals hat mir wie so vieles an dir sehr imponiert.

    Ich denke gerne an diese Zeit zurück, auch wenn sie für mich sehr schwer war. Sie hielt für mich auch Perlen bereit …

    Deine Interpretation von Back to Black ist wundervoll

    Der Zahn der Zeit nagt nicht an allen im gleichen Maße. Manche sind veränderlich, sie halten gar viel aus.
    (Knut Hamsun)

    Liebe Grüße

    Tobias

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