Minimalismus ade

2016. Zurück auf Start. Und wie schon zu Beginn meiner Auszeit vor anderthalb Jahren wurde die Welt plötzlich sehr klein. Genauer gesagt, sie endete an den Wänden meiner Wohnung. Und in der war immer noch viel zu viel Gedöns ohne Aufenthaltsberechtigung.

Wie kann das sein, nach so vielen Entsorgungsfahrten, Schenkungen, Verkäufen? Wann würde ich endlich der idealtypische Minimalist sein, der nur 100 Dinge sein eigen nennt und vor der Zen-Kloster-artigen Kulisse seiner Wohnung für Livestyle-Magazine posiert? Und vor allem: warum ging es nicht weiter? Wo war der Anfang des Fadens geblieben, mit dem sich diese unverhältnismäßige Anhäufung von Materie weiter auflösen ließe?

Der lag natürlich im Keller, in Form von sieben großen Bücherkisten. Schon letztes Jahr hatte ich Diät im Bücherregal gemacht und von stolzen 37 auf „schlanke“ 25 Regalmeter abgenommen. Das war gar nicht so schwer. Vor allem Studienliteratur und Klassikerausgaben mussten dran glauben. Der nächste Schritt war umso schwieriger: die Kartons auch loszuwerden. Dass Geld damit zu verdienen war, hatte ich mir längst abgeschminkt. Aber zumindest in gute Hände wollte ich das bedruckte Papier geben. Altpapiertonne? Unvorstellbar. Bücher sind doch etwas wie Heilige Kühe. Auch wenn sie nur rumstehen, Dreck machen und den Verkehr aufhalten, sind sie unantastbar.

Ein Antiquar signalisierte Interesse, und ich schleppte meine 7 Kisten ins Auto und machte mich auf den Weg. Das Ergebnis war ernüchternd. Von den 7 Kisten behielt der Händler einen zierlichen Stapel von höchstens 30 cm. Der Rest wanderte zurück. Studienliteratur? Die Studenten kaufen immer nur die neueste Auflage, selbst wenn unverändert. Nachschlagewerke? Im Internet-Zeitalter praktisch wertlos. Die Schiller-Werkausgabe mit Goldschnitt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts? Wenn es nicht gerade eine Erstausgabe ist, interessiert sich keiner dafür.

Bekümmert hievte ich meine Heiligen Kühe wieder ins Auto. Zum Trost erzählte mir der Antiquar eine kleine Geschichte: wie ihn die Stadt gebeten habe, in der Wohnung eines verstorbenen Bürgers und Büchersammlers die Regale zu inspizieren. Der Mann hatte keine Nachfahren und so musste sich die Stadt um die Auflösung der Wohnung kümmern, in der jedes Zimmer vollgestopft war mit Büchern, es müssen viele Tausende gewesen sein. Der Bücherexperte sah wunschgemäß die Bestände durch – und fand doch nicht ein einziges, das ihn interessierte oder das einen gewissen Wert gehabt hätte. Rein statistisch völlig unwahrscheinlich, schließlich blieb ja auch von meinen Kisten ein kleiner Stapel für ihn übrig. Die Stadt war ebenfalls ratlos, was tun mit den Büchermengen? Der Tipp des Antiquars: „Stellen Sie einen Container vors Haus und werfen Sie die Bücher aus dem Fenster. So einen Container bekommen Sie bei der Recyclingfirma Alba.“ – „Alba?“, so der Mann von der Stadt. „Ach ja. Da hat der Verstorbene gearbeitet …“

Dermaßen aufgeheitert, versuchte ich mich mit den endgültigen Bestimmung meiner Bücher anzufreunden. Zunächst standen sie aber wieder in meinem Keller und blockierten dort die weiteren Entsorgungsarbeiten.

Bis ein Engel erschien. Ich denke, es muss einer gewesen, so einer mit Cherubsgesicht und langen braunen Locken, er war einen halben Kopf kleiner als ich und hatte übermenschliche Kräfte. Wie hätte er sonst auf einmal zwei von diesen großen Bücherkisten schleppen können, die mich einzeln schon ans Limit brachten? Eigentlich war er gekommen wegen der Winterbettdecke, die ich in die Verschenkbörse eingestellt hatte. Weil er regelmäßig nach Rumänien fährt und die Menschen dort mit Lebensnotwendigem versorgt. Da standen wir also in meinem vollgestopften Keller, inmitten der Auswüchse der Überflussgesellschaft, und er erzählte von Menschen, die nicht das Nötigste haben, die in Häusern auf bloßem Boden an offenen Feuern sitzen. Die dicke Bettdecke (warum hab ich die bloß gekauft, ich hatte doch bereits eine. Und selbst die benutze ich selten genug, wann ist es denn bei uns je so kalt …) eine wertvolle Waffe gegen die Kälte dort.

Aber auch alles andere, was im Keller so rumstand, fand sein Interesse. Die Bücherkisten verschwanden allesamt, so wie sie waren („Ich kenne da ein paar Studenten“ …) und auch für alles mögliche andere hatte mein Engel potenzielle Abnehmer. In Sekundenschnelle war der Keller plötzlich so gut wie leer, morgens um halb neun. Ich bin an dem Tag immer wieder runter geschlichen und hab geguckt, weil es das Bewusstsein einfach nicht wahrhaben wollte, dass der gordische Entrümpel-Knoten so plötzlich durchschlagen war.

Mit einem Mal machte das Entrümpeln dann auch wieder Spaß. Vor allem Internet-
Verschenkbörsen sind suchtgefährdend. Den Gegenstand knipsen, hochladen und schon melden sich Menschen, die genau das brauchen, was man loswerden will. Wenig Aufwand, dafür zeitnah freier Platz plus die glücklichen Gesichter der Beschenkten. Und manchmal auch das Gefühl, das der einstige Krempel sich jetzt nützlich machen darf. Wie etwa meine alte Dia-Leinwand, die jetzt in einer Schule in Tansania ihren Dienst tut.

Vorsicht ist allerdings geboten, wenn man gleichzeitig Diät macht. Beschenkte Frauen bringen gern mal ein Schokolädle mit. Männer zu beschenken ist gesünder, die belassen es in der Regel beim herzlichen „Dankeschön“. Wenn man die Angelegenheit beschleunigen will, verschenkt man via ebay-Kleinanzeigen. Mein Rekord waren 7 Anfragen innerhalb von 7 Minuten, nachdem ich ein paar alte Festplatten online gestellt hatte. Da hab ich die Anzeige dann fix wieder rausgekommen.

Geschwindigkeitsrausch verspricht auch der Verkauf von CDs. Man braucht nur einen Karton und die App des jeweiligen Anbieters auf dem Handy, mit der man dann den Barcode auf der CD scannen kann. Sofort wird einem der Ankaufspreis des Artikels angezeigt und am Ende kann man die CDs portofrei versenden. Das Geld wird ein paar Tage später überwiesen. Zunächst ist natürlich enttäuschend, dass die meisten CDs nur Cent-Beträge bringen, aber viel Kleinvieh macht auch einige Euro und die ein oder andere CD ist dabei, die dann auch mehr einbringt. Ich habe über Momox verkauft, dort ist der Ankaufspreis evtl. geringer als bei anderen Anbietern, dafür kommt das Geld aber zuverlässig und es gibt auch kein Gezicke wegen des Zustands der Ware (davon berichten im Internet jedenfalls Nutzer anderer Dienste).

Die Zielgerade vor Augen, wurde ich im Februar krank. Und hab mich trotzdem immer wieder mal in den Keller geschleppt, um vor mich hustend in den Regalen zu wühlen. Ich hatte nämlich ein Enddatum für mein Entrümpelungs-Projekt, den Verschenkmarkt in Waldenbuch. Ein bisschen Wehmut kam da auf, als ich fünf Minuten vor Startschuss meine allerletzten Kartons aus dem Auto zog und aus allen Himmelsrichtungen Gestalten mit ihren Körben und Taschen voller Kram Richtung Gemeindezentrum wandern sah.

Und jetzt?

Der Keller ist aufgeräumt. Alles Verbliebene ist ordentlich verpackt und beschriftet und übersichtlich in den nun sauberen Regalen aufgereiht. Die Löschung des Eintrags „Keller aufräumen“ von meiner ewigen ToDo-Liste war ein feierlicher Akt, ein gewissermaßen historischer Moment.

Auch die Wohnung ist aufgeräumt, sieht aber mitnichten aus wie ein Zen-Kloster. Sicher, es fehlen ein paar Regale, das Schuhregal ist ein bisschen gelichtet und in den Schränken ist es etwas luftiger. Es sieht jedoch aus wie eine ganz normale Wohnung. Ich habe alles noch einmal sorgfältig durchgeschaut, aber nichts gefunden, was ich (momentan) wegtun möchte. Ja, das Waffeleisen und den Römertopf würde ich gern behalten. Die 25 Meter Buch dürfen auch erstmal bleiben. In den roten High Heels mit den goldenen Absätzen kann ich keinen Schritt laufen, aber das ist Kunst, das kann nicht weg.

Langsam dämmert die Erkenntnis: ich bin doch kein Minimalist. Aber es ist jetzt alles im Großen & Ganzen so, wie ich es gerne hätte. Wenn ich unbedingt noch weiter reduzieren will, dann könnte ich ja mal die ca. 3500 Dias aussortieren und den Rest einscannen. Aber eigentlich könnte ich auch wieder anfangen, mich um die anderen Dinge im Leben zu kümmern.

red_shoes

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nach meinem anfänglichen oh-mein-Gott-sie-wird-doch-wohl-nicht-die-scharfen-roten-Schuhe-weggegeben-haben-Schreck bin ich nach der Lektüre erleichtert, dass Du keine Minimalistin bist.
    Und der Gedanke an ein Zen-Kloster, in dem die Nonnen rote Lackschuhe mit goldenen Absätzen tragen, bereitet mir durchaus Vergnügen. Es wäre eine Überlegung wert, ob dies nicht der Grundgedanke für eine neue religiöse Richtung werden könnte, mit Dir als lackschuhtragender Äbtissin.

    Allerdings bin ich noch gespannter, in welche Stellengesuch-Rubrik Dich dann die Dame vom Arbeitsamt einordnet :-).

    • Oh … und ich merke grad, dass ich Deine Kommentare vermisst hab <3

      Du hast mal wieder sooo recht, es ist Zeit für eine neue Religion. Und die Kategorien vom Arbeitsamt gehören eh dringend überarbeitet ...

      Im Hinblick auf ein Outfit für Vorstellungsgespräche hab ich mal beim Heine-Versand nach dem Schlagwort "Business" gesucht. Da kommen zwar Kostümchen und Hosenanzüge, aber die Damen tragen meist Push-Up-BH und sonst nix unter ihrem Blazer. Hmmmm ...

      • Dem Orden der roten Lackschuhe würde ich auch sofort beitreten. Wir können da sicherlich eine weltweite Bewegung initiieren.

        Wobei sich mir die Frage stellt: Wo bekomme ich solche Teile in meiner Größe. Ich hoffe dass es meinen roten Lackballerinas es erstmal tun.

  2. Auch da wirst Du Neuland betreten müssen. Nicht nur Maite Kelly hat ihre ganz eigene Kollektion, ich möchte fast sagen: ihre eigene Linie, sondern auch die rote Äbtissin FenjaZ (was ich, nebenbei bemerkt, auf einer CD-Hülle bereits aufgedruckt sehe ….). Nix drunter kannst Du lassen, aber ansonsten muss es scho ebbes neis sai, saga mr: ABBESS FASHION.

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