Skriptorium

Feder

Sie gehören nicht gerade zu meinen angenehmsten Jugenderinnerungen – die kalligrafischen Übungen im Kunstunterricht: kratzige Scriptol-Feder auf kariertem Papier, millimetergenaue Ober- und Unterlängen, Kleckse im Schreibheft, Tinte auf den Händen. In einem Moment besonderer Döspaddeligkeit habe ich mich sogar mit einer spitzen Feder selbst tätowiert. An meinem rechten Mittelfinger habe ich seitdem einen kleinen schwarzen Punkt. Und so eine sehr nachhaltige Erinnerung an die gestrenge Pädagogin, die mir über 6 Jahre hinweg die Freude am kreativen Tun so gründlich ausgetrieben hat.

Dabei war ich fürs Buchstabenmalen vielleicht gar nicht mal unbegabt, nur zu unkonzentriert und undiszipliniert. Für Kreativität und künstlerischen Schwung war bei der Übung einfach zu wenig Platz. Und trotzdem habe ich immer ein Faible für schöne, ausgefallene Schriften gehabt und diejenigen bewundert, die Buchstaben akkurat zu Papier bringen können.

Als ich jetzt, viele Jahre später, einen Kalligrafie-Füller in Händen halte, überkommt mich gleich der Wunsch, ein längeres Schriftstück zu produzieren. Keine Kalligrafie im engen Sinne, nur schön und gleichmäßig geschrieben soll es sein. Ich habe mich schon immer gefragt, wie es wohl gewesen sein muss, als Mönch im Skriptorium eines mittelalterlichen Klosters zu sitzen und ganze Bücher zu kopieren.

Beim Versuch, das nachzuvollziehen, mache ich eine wunderbare Entdeckung. Doch zunächst ist es einfach nur anstrengend und frustrierend. Das Schreiben verlangt von mir, was mir am allerschwersten fällt: ganz in der Gegenwart, im Augenblick zu sein. Bei dem Wort, dem Buchstaben, der gerade geschrieben werden soll. Nicht schon drei Wörter weiter, nicht beim Inhalt des Satzes oder gar bei einem Gedanken an die Welt außerhalb des Textes. (Auch absolut dezente Hintergrundmusik ist eine zu große Ablenkung). Dann verschreibe ich mich sofort oder vertausche gar die Wörter. Und nehme mir ein leeres Stück Papier und beginne die Seite von neuem. Anfangs kämpfe ich sehr mit meiner Ungeduld, dem Bedürfnis, etwas fertigzustellen, und fluche über jeden Fehler. Mit der Zeit fange ich an, das Ziel loszulassen und den Prozess zu genießen, die Ruhe und die Leere in meinem Kopf.

Es ist die perfekte Form der Meditation. Und man kann sich nichts vormachen über ihr Gelingen oder Nichtgelingen. Die Feder ist wie ein Seismograf und meldet jegliche innere Unruhe sofort. Zuviel, zuwenig Druck, das Metall kratzt, die Tinte läuft nicht gleichmäßig. Bin ich gelassen und im inneren Gleichgewicht , fließt die Schrift auf einmal mit großer Leichtigkeit auf das Papier.

Nicht verwunderlich, dass das Abschreiben der heiligen Texte in vielen Kulturen als sakraler Akt gilt. In den Skriptorien der christlichen Klöster des Mittelalters genauso wie im Alten Ägypten, wo der Ort, an dem Texte kopiert wurden, als „Lebenshaus“ bezeichnet wurde. Im Judentum gibt es das hochangesehene Amt des Sofers: Er schreibt die hebräischen Bibeltexte ab und folgt dabei strengen Vorschriften für Vorgehen und Form. Den Text darf er nur Buchstabe für Buchstabe kopieren, nicht aus der Erinnerung schreiben. Die solcherart verfassten Dokumente, etwa Torarollen, sind heilig, werden sie durch Beschädigung oder Abnutzung unbrauchbar, müssen sie auf einem Friedhof bestattet werden.

In China hat die Kalligrafie dagegen einen etwas anderen Stellenwert. Sie gilt als klassische Kunstform, in der nicht die exakte Kopie gefragt, sondern auch individuelle Gestaltung möglich ist. Vor allem bei der sogenannten Grasschrift zählt die Impulsivität beim Schreiben, die Lesbarkeit ist sekundär. So entsteht ein Bild, kein Dokument. Schade, dass Grasschrift nicht in der gymnasialen Mittelstufe unterrichtet wird. Ich glaube, ich hätte damit deutlich mehr Spaß gehabt als mit der ollen Fraktur.

Wird in der Schule eigentlich noch Kalligrafie geübt? Wo es doch absehbar ist, dass in den Klassenzimmern das Schreiben mit der Hand gänzlich von dem auf Tastaturen abgelöst wird? Schon jetzt fällt es vielen Kindern schwer, mit der Hand zu schreiben / Schreibschrift zu verwenden / Füllfederhalter zu benutzen. Die Klage darüber könnte man ja für kulturpessimistisches, fortschrittsfeindliches Geknöre halten – wenn es nicht in den letzten Jahren ein paar bemerkenswerte Studien zu den Wirkungen von Handschrift auf Gehirnentwicklung und -gesundheit gegeben hätte:

Wie Magnetresonanzbilder zeigen, bewirkt das Schreiben mit der Hand intensivere neurologische Aktivität, es werden auch andere Hirnareale aktiviert als beim bloßen Betrachten der Buchstaben. Das korrespondiert mit den Beobachtungen der Wissenschaftler im Klassenzimmer: Kinder, die mit der Hand schreiben, haben weniger Schwierigkeiten, ihre Gedanken zu entwickeln und Ideen auszudrücken. Bei Erwachsenen können Veränderungen der Handschrift auf neurologische Erkrankungen hinweisen, und umgekehrt kann das Schreiben mit der Hand helfen, das Gehirn zu trainieren und im Alter fit zu halten.

Dass das Mitschreiben hilft, bestimmte Inhalte zu lernen und zu verinnerlichen, wird jeder schon einmal erlebt haben. Es macht jedoch ein großen Unterschied, ob man seine Notizen mit der Hand oder per Tastatur macht, wie ein Versuch mit Studenten in den USA zeigt. Die Tastaturtipper konnten zwar insgesamt mehr mitschreiben und hatten bei der Abfrage der Inhalte direkt nach dem Unterricht einen leichten Vorteil, aber die Vergleichsgruppe, die mit der Hand mitschrieb, behielt die Inhalte länger im Gedächtnis, hatte ein genaueres Verständnis der Zusammenhänge und konnte bessere Transferleistungen erbringen.

Bei handschriftlichen Notizen transformiert man das Gehörte. Tastaturschreiber tendieren hingegen dazu, eine wörtliche Mitschrift zu erstellen. Selbst als die tippenden Studenten während des Versuchs explizit aufgefordert wurden, das Gehörte in eigene Worte zu fassen, waren sie überraschenderweise kaum in der Lage, vom genauen Wortlaut abzuweichen.

Schreibzeug

Wenn ich jetzt der Neigung zu hübschen Notizbüchern und besonderen Schreibwerkzeugen nachgebe, dann fröne ich nicht einfach nur einer nostalgischen Leidenschaft, nein, ich tu was für meine Gesundheit. Ob ich nun meinen Geist ganz leer mache, um nur noch die „Leitung“ zu sein, durch die ein Text fließt, oder ob ich mir die Welt im Schreiben anverwandle, bis die Synapsen Funken sprühen – ich liebe mein neues Fitness-Programm schon jetzt!

Literatur:

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