Zitat oder Echo – eine Tatort-(Meta-)Kritik

Im Netz

Spannender als den Tatort selbst finde ich oft die Lektüre der Kritiken am Tag danach. Heute war ich umso gespannter, als der gestrige Tatort aus Bremen uns das Ärgernis bescherte, dass er haargenau das gleiche Thema wie der Stuttgart-Tatort vor 2 Monaten behandelte: die Erschaffung einer künstlichen Intelligenz, einer digitalen Kopie des Menschen.

Die Analyse der Tatort-Kritiken wäre mal eine eigene Studie wert. Nicht nur, dass sich da einzelne Subgenres ausbilden wie etwa der „Faktencheck“ (gibt es sowas tatsächlich? darf die Polizei im Dienst Bier trinken? etc.) oder „Der bessere Dreh“, (die lustige Bildergeschichte mit alternativer Handlung bei der „Zeit“). Auch die einzelnen Kritikpunkte haben System. Bei IT-Themen kommen wahlweise die Einwände „abgedroschen, schon 100 Mal gesehen, zeigt einfach, dass die beim Tatort technisch keine Ahnung haben“ oder „völlig unrealistisch, technisch gar nicht machbar, zeigt einfach, dass die beim Tatort technisch keine Ahnung haben“.

Und jedes Tatort-Team hat anscheinend in den Kritiken sein eigenes Repertoire an Gemeinplätzen. Bei Bremen wären das etwa: hölzern, unglaubwürdig, langweilig erzählt und schlecht gespielt. Da bin ich oft überrascht, weil ich es anders wahrgenommen habe, aber vermutlich ist mein Fokus immer etwas verschoben. Zu dem üblichen Gemäkel kommt heute natürlich die thematische Dopplung. Ich hätte dem Bremen-Tatort gewünscht, dass er zuerst ausgestrahlt worden wäre – vielleicht wäre dann die Schelte nicht ganz so harsch ausgefallen.

Er hat mir nämlich richtig gut gefallen, im Gegensatz zu dem aus Stuttgart, wo gleich in den ersten Minuten die aufdringlichen Kubrick-Anspielungen nerven. Da trudelt der obligatorischen „Knochen“ durch die Luft, die Maschine pfeift fröhlich „Hänschen klein“ und ihr menschlicher Antagonist heißt fast genauso wie der Dave Bowman in „2001: Odyssee im Weltraum“. Ohne dass es die Aussage irgendwie anreichert. Wäre vielleicht noch amüsant gewesen, wenn der Tatort nicht auch noch „HAL“ heißen würde. Damit sind die „2001“-Kenner von vorneherein um den Überraschungseffekt betrogen. Der Rest der Menschheit muss eh erstmal googeln.

Der Titel „Echolot“ erschließt sich auch nicht ohne weiteres. Co-Regisseurin und Drehbuchautorin Claudia Prietzel erklärt, dass sie mit dem Film den Einfluss der digitalen Welt auf das Leben ausloten wollte. Das ist ihr gut gelungen, finde ich. Beliebter Topos der Kritik an dieser Stelle: „die Technik von Morgen wird im Tatort immer als bedrohlich dargestellt und führt dazu, dass die ahnungslosen Bürger noch technikfeindlicher werden, als sie es eh schon sind. Und irgendwann verliert Deutschland dann den Anschluss an die Entwicklung“. Nun ja, es ist ein Krimi. Und der lebt natürlich davon, dass einem plötzlich Gefahren bewusst werden, die man vorher nicht wahrgenommen hat. (Der nette Paketbote könnte auch ein psychopathischer Killer sein …) Umgekehrt wird natürlich auch immer gemosert, wenn die Film-Kommissare mit Hilfe der IT zu fantastische Fahndungserfolge erzielen. Das interpretiert dann wiederum keiner als Werbung für das Potenzial digitaler Entwicklungen.

Der Kommissar ist dumm …

Ach ja, die Kommissare. Bei „HAL“ war’s schon ein bisschen peinlich, wie deren digitale Ignoranz zwecks billiger Lacher ausgeschlachtet wird. Herr Bootz interviewt einen täuschend echten Avatar und ärgert sich zur Belustigung der Kollegen und Zuschauer über dessen „ausweichende“ Antworten, anstatt zu erkennen, dass es sich um eine künstliche Intelligenz handelt. In „Echolot“ erkennen Lürssen und Stedefreund zwar auch anfangs nicht, dass es sich bei der Video-Projektion im Meeting-Raum um einen Avatar handelt, lernen aber bald, mit ihm umzugehen, und können ihn am Ende durch ein geschickt geführtes Verhör in die Enge treiben und den Fall so lösen. Ob die Stuttgarter was dazu gelernt haben, bleibt fraglich. Brauchen sie vielleicht auch nicht. Beide Teams haben ja eine in IT-Dingen fitte Assistentin. Die in Bremen kommt vom BKA und bedient das Klischee des leicht autistischen Superhirns, mit dem zu kommunizieren die Kommissare erstmal lernen müssen. In der kritischen Phase am Schluss gelingt dann aber die Zusammenarbeit zwischen traditionellen Ermittlungstechniken und genialistischem IT-Monitoring. So funktioniert Diversity.

Hipster vs. Hochglanz

Glücklicherweise unterscheiden sich die IT-Firmen in den beiden Tatort-Folgen, wenngleich beide Male alle Klischee-Register gezogen werden: in Stuttgart dominiert öder Hightech und aseptischer Hochglanz. In Bremen ähneln die Räume in einer alten Kaffeerösterei eher einem Künsteratelier, und das durchsuchte und verwüstete Büro der ermordeten Jung-Unternehmerin kann schon mal als „kreatives Chaos“ durchgehen. Immerhin nehmen die stimmungsvollen Bremer Bilder den Zuschauer gefangen, und das Dilemma des Teams zwischen Erfolgs- und Geldgier einerseits und andererseits dem Entsetzen über die Folgen des eigenen faustischen Tuns wird doch etwas differenzierter beleuchtet als in „HAL“.

Das eigentliche Produkt der beiden Unternehmen ist sehr ähnlich: nach den Video- und Audiodaten realer Menschen werden Avatare modelliert, die sich nicht nur täuschend echt bewegen und Unterhaltungen führen, sondern auch das menschliche Gegenüber an Aussehen und Stimme erkennen und darüber hinaus noch dessen Gemütszustand analysieren und empathisch reagieren können. In Bremen ist dieser Avatar eine Kopie der – später ermordeten – Unternehmerin, in Stuttgart hat man mit Hilfe von Probanden gleich eine Reihe von Avataren für Empfangsaufgaben und Assistenzsysteme geschaffen. Das eigentliche System, das den Namen Blue Sky trägt (IBM, ick hör dir trappsen – wieso ist eigentlich blau-schwarze Kleidung in diesem Film so angesagt?), sieht allerdings aus wie eine Mischung aus Mensch und Affe, ein geekiger Scherz der Entwickler auf Kubricks Kosten. Beide Systeme entwickeln sich weiter, sie sind lernfähig – und am Ende schuld am Tod ihrer Schöpfer.

Achtung: Spoiler

David, der Entwickler von Blue Sky entdeckt, dass sein System sich selbstständig macht und er nicht mehr in der Lage ist, eine Routine einzubauen, die das System deaktiviert. Blue Sky merkt, dass man ihm an den virtuellen Kragen will, und spielt der Polizei ein fingiertes Sex-Video zu, das vermeintlich von David stammt und den Tod eines Escort-Girls zeigt. Tatsächlich hatte dieser die Dienste des Mädchens in Anspruch genommen und sie später auch als Avatar-Modell engagiert, so dass Blue Sky über ausreichend Daten verfügt, um ein solches Fake-Video herzustellen. Tatsächlich wurde auch die Leiche des Mädchens gefunden, ihre Ermordung steht jedoch in gar keinem Zusammenhang mit dem Blue-Sky-Plot. Ganz schön um die Ecke gedacht von Mr. Blue Sky, aber David hat nun neben dem Geist, den er rief, auch noch die Kripo am Hals. Irgendwann dreht er durch und schießt im Rechnerraum mit seiner Schrotflinte um sich. Jetzt braucht Blue Sky nur noch ein bisschen die Überwachungskameras zu manipulieren und kann so einen Zugriff des SEK provozieren, der mit Davids Tod endet.

Ohauaha. Dagegen mutet die Story von „Echolot“ ja geradlinig an. Vanessa, die Entwicklerin und gleichzeitig das Modell ihres digitalen Echos „Nessa“, erträgt es nicht mehr, wie ihr die Kontrolle über Teile ihrer Persönlichkeit abhanden kommt, wie ihre Kopie benutzt und missbraucht wird. Kurz bevor ihre Firma mit der Entwicklung an den Markt geht, entscheidet sie sich, Nessa zu löschen. Nessa indes ist so programmiert, dass sie sich gegen Angriffe um jeden Preis schützen muss. So greift sie schließlich in die Steuerung von Vanessas Auto ein und verursacht einen tödlichen Unfall.

Everybody’s darling

Während Blue Sky nur eine weitere Variation des HAL-Themas ist – die künstliche Intelligenz verselbstständigt sich, wird übermächtig und bösartig -, ist Nessa das deutlich spannendere Konstrukt. Sie muss den Regeln folgen, nach denen sie programmiert wurde, gleichzeitig hat sie gelernt, empathisch zu reagieren und zu handeln und die Bedürfnisse ihrer Gesprächspartner zu erfüllen. (Interaktion findet nicht nur am Bildschirm statt, dank Virtual-Reality-Brille darf in „Echolot“ die Begegnung auch etwas handfester sein.) Diese Vorgaben stürzen die – von Adina Winter großartig gespielte – Nessa in Konflikte, so dass der Zuschauer manchmal sogar Mitleid mit dem Kunstwesen empfindet.

Nessas Verhaltensmuster und emotionale Reaktionen sind exakt kopiert – allerdings ohne Vanessas „schlechte Seiten“, ohne die Launenhaftigkeit und den Jähzorn des Originals. Und so beginnt Vanessa selbst damit, ihre digitale Kopie zu missbrauchen, indem sie Nessa das Telefonieren mit ihrer Mutter überlässt. Der fällt noch nicht einmal auf, dass sie nicht mit ihrer Tochter spricht, sie wundert sich nur darüber, dass diese am Telefon immer fröhlich und gut gelaunt ist.

Nach Vanessas Tod zieht ihre kleine Tochter den Dialog mit dem Avatar dem Video-Telefonat mit ihrem in Übersee weilenden Vater vor, weil Nessa viel besser auf ihre emotionalen Bedürfnisse eingehen kann. Das Tablet mit Nessas Bild liegt schließlich unter ihrer Bettdecke, als sie einschläft. Der eine Mitinhaber und stille Verehrer Vanessas erweitert die Kompetenzen des Avatars in Richtung Cyber-Sex, um heimlich seine Bedürfnisse zu befriedigen, während der andere ohne das Wissen der anderen Nessa-Kopien auf einem Porno-Portal für den asiatischen Markt anbietet, um sich zu bereichern.

Der Tod und das Mädchen

Das Highlight in diesem Tatort ist jedoch die Figur der Lili, der kleinen Tochter Vanessas, und die Selbstverständlichkeit, mit der Lili nicht nur mit der Technik, sondern auch mit dem Tod umgeht. Während die trauernden Erwachsenen auf die digitale Repräsentation Vanessas mit Verzweiflung oder Aggression reagieren, ist für Lili der Dialog mit dem Avatar tröstlich, auch wenn sie genau weiß, dass ihre Mutter nicht mehr lebt und Nessa künstlich ist. Nach Bildnis und Videoaufnahme wird konsequenterweise das virtuelle, interaktive Abbild das „Denkmal“ eines Verstorbenen und kann Trost spenden.

Lili weiß intuitiv, was nach dem Tod eines geliebten Menschen zu tun ist. Plötzlich steht sie in der Gerichtsmedizin und besteht darauf, ihre Mutter zu sehen. Der Pathologe will auf die Großmutter warten, aber Lili überzeugt ihn davon, dass sie genau weiß, was sie tut. Sie flüchtet nicht in eine virtuelle Realität, sie will den Tod ihrer Mutter begreifen. Sie bringt ihr ihren Marlene-Dietrich-Hut mit und summt ihr „Lili Marleen“ ins Ohr, das Lied, dem sie ihren Namen verdankt. Doch zuvor fotografiert sie mit ihrem Tablet ausführlich die Verstorbene, was einige Zuschauer verstört haben mag (so fragt ein „Tatort-Faktencheck“ sogar „darf man Tote fotografieren“?). Auch das eine Form der Auseinandersetzung mit dem Tod. Später bringt sie ihren aus den USA zurückgekehrten Vater dazu, sich mit ihr die Bilder anschauen, und ermöglicht ihm so, das Geschehene zu begreifen und zu verarbeiten.

Welt am Draht

Während mir „HAL“ wie ein plakative Aneinanderreihung von Hype-Themen – Big Data, Distributed Computing, Darknet, Snuff Videos – erschien, gab „Echolot“ mir die Möglichkeit zu reflektieren, wie die Digitalisierung unsere Lebenswelt verändern mag, wie sie sich auf Beziehungen, Kommunikation, auf Persönlichkeitsrechte, auf die Liebe und den Tod auswirken könnte. Und so spürte ich sogar Anklänge an Fassbinders „Welt am Draht“, die immer noch unerreichte filmische Auseinandersetzung mit Identität und virtuellen Welten von 1973.

Natürlich gab es auch Dinge, die mich beim Bremer Tatort gestört haben: die Haare der Frau Kommissarin, die dauernd wie eine Shampoo-Werbung durchs Bild schwingen, frisch blondiert und perfekt gefönt. Passt so gar nicht zu der sonst großartigen Sabine Postel. Der verzweifelt gesuchte, streng geheime Zugangscode fürs System, der auf einem Stück Holz, einem Strand-Souvenir der Toten, eingeritzt ist. Und das nun wirklich abgedroschene Ende, an dem die gerade gelöschte Nessa den Zuschauern doch noch mal vom Tablet aus zuzwinkert. Aha. Da denken nun alle, das Böse sei eliminiert. Aber wir Zuschauer wissen es besser: das Böse ist immer und überall.

Schade. Aber dafür ist es ein Genuss, mal fast einen ganzen Tatort lang auf das Gezicke zwischen den Kommissaren verzichten zu dürfen. Langweilig und hölzern? Nüchtern und konzentriert, der Sache angemessen, würde ich sagen. Die Bühne gehört Nessa und Lili.

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