Das Idefix-Syndrom

Baumriese

Nach meinem ersten Artikel zu den positiven Wirkungen des „Waldbadens“ habe ich mich daran gemacht, diese im unsystematischen Selbstversuch zu überprüfen. Meine Killerzellen konnte ich natürlich nicht zählen, den Rückgang des Adrenalins nur vermuten, aber dass mein Blutdruck durch Waldaufenthalte deutlich sinkt, das konnte ich messen.

Die Wissenschaft hat das alles natürlich längst gründlicher erforscht und nachgewiesen, dass die Terpene in der Waldluft das menschliche Immunsystem aktivieren und beispielsweise zu einer niedrigeren Krebsrate führen. Aber auch Nerven- und Hormonsystem, Stressempfinden und Blutdruck werden positiv beeinflusst.

Was sind Terpene? Die biologische Funktion dieser sekundären Pflanzenstoffe ist bisher erst lückenhaft erforscht. Belegt ist, dass Bäume mit Hilfe von Terpenen miteinander kommunizieren. Die Botenstoffe können Nützlinge anlocken, Schädlinge abwehren und die Artgenossen warnen, die dann wiederum Gifte in ihr Blattwerk oder ihre Rinde einlagern, also quasi ihr Immunsystem aktivieren. Die Terpene sind nicht das einzige Medium, auch über elektrische Signale, evtl. sogar über Geräusche findet Kommunikation statt. Den Wald kann man sich also als ein großes kommunizierendes System vorstellen, an dem unzählige Lebewesen beteiligt sind. Und nun kommt ein Wanderer des Wegs:

„Wenn ich durch den Wald gehe, habe ich das Gefühl, in einen riesengroßen, atmenden Organismus einzutauchen, der mit mir kommuniziert. Ich selbst bin dann ein Teil davon und atme und kommuniziere mit.“

Clemens Arvay, Der Biophilia-Effekt, S. 39

Warum aber sollten die Bäume mit Herrn Arvay kommunizieren? Kommunikation ist doch immer etwas Gerichtetes. Warum führt die an die Baumkumpel gerichtete Warnung „Achtung, Raupenplage im Anmarsch“ zu einer Aktivierung des menschlichen Immunsystems? Einfach ein willkommener Nebeneffekt? Und was wird Herr Arvay seinerseits den Bäumen mitteilen?

(Grundsätzlich finde ich die von Clemens Arvay zusammengetragenen Erkenntnisse sehr wertvoll und inspirierend. In dem Modell fehlen mir lediglich noch ein paar Puzzleteile. Die Heilkräfte des Waldes stelle ich keinesfalls in Abrede.)

Und wenn nun der Wald selbst gestresst, krank, der Heilung bedürftig ist?

Am Wegesrand15. Januar 2017. So richtig gut geht es mir heute nicht und ich entschließe mich zu einem „Waldbad“, zu einem Sonntagsspaziergang im Schnee. Im Winter ruht die Natur zwar und es sind viel weniger Terpene in der Luft unterwegs, aber zum Erliegen kommt die biochemische Kommunikation nicht. Ich bin am Rande des Schönbuchs unterwegs, dem kleinsten Naturpark der Republik und dem „Wald des Jahres 2014“. Und wieder einmal habe ich meine Strecke schlecht gewählt. Die Holzernte hat ihre Spuren hinterlassen. Gefühlte Stunden wandere ich an den Leichen alter Baumriesen entlang und frage mich, wie wohltuend diese Waldluft noch sein mag. Wenn Bäume schon bei einem Raupenbiss „Schmerz“ empfinden (das betroffene Gewebe sendet elektrische Signale aus, genauso wie der menschliche Körper bei einer Verwundung), wie mag das dann bei einer Kettensäge sein? Was kommuniziert der Baum seinen Artgenossen bei einer Bedrohung, für die es keinerlei Überlebensstrategie, wie etwa das Einlagern von Giftstoffen oder das Drosseln des Wasserverbrauchs, gibt?

Mir ist elend zumute. Ist das alles nur Einbildung von mir, eine Idée fixe, eine Art Idefix-Syndrom? Wie der kleine Comic-Hund hätte ich mich schon als Kind immer am liebsten neben einen gefällten alten Baum gesetzt und geheult. Und jetzt dieses Schlachtfeld. Was bleibt, sind die Jungspunde, nach Baumaltermaßstäben nicht mehr als Teenies. Es herrscht Gleichförmigkeit, knorrige Gestalten und Charakterköpfe sucht man in diesem Waldgebiet von nun an so gut wie vergebens.

Man mag ja die Überlegungen zu der Fähigkeit der Bäume, zu empfinden und zu kommunizieren, ignorieren. Man mag auch die Erkenntnis, dass Bäume in einem Sozialverband leben, in dem gerade die älteren Mitglieder wichtige Funktionen übernehmen, für den Augenblick beiseite lassen.

Dann bleibt aus Sicht des Natur- und Klimaschutzes immer noch genug gegen diese Praxis zu sagen:

Die intensive Forstwirtschaft verhindert naturnahe Wälder und bedroht so zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Die Naturnähe eines Waldes bemisst sich nach dem Anteil alter bzw. dicker Bäume und dem Bestand an Totholz. Denn die Zerfallsphasen eines Baumes bieten wichtigen Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Ein weiteres Kriterium für Naturnähe ist, dass die vorgefundenen Baumarten heimisch und standortgerecht sind.

Unser Wald ist zu jung und zu dünn: Der „Bundeswaldinventur“ vom vergangenen Jahr zufolge sind 50% der Bäume unter 60 Jahre, nur etwas mehr als 1% über 160 Jahre alt. „Dicke“ Bäume mit einem Brusthöhendurchmesser von mehr als 70 cm betragen gar nur 0,3% des Bestandes. Auch sind viele Baumarten nicht heimisch: Die Kartierung des Bundesamtes für Naturschutz verrät, dass nur knapp 20 % der deutschen Waldfläche der „potentiell natürlichen Vegetation“ (PNV) nahekommen.

Die Verbindung von Jugend und Wachstumsleistung und die Vorstellung, dass Bäume ab einem bestimmten Alter „erntereif“ sind, sind mittlerweile überholt. Im Gegenteil, je älter die Bäume sind, desto schneller wachsen sie. Ein Baum mit rund einem Meter Durchmesser nimmt dreimal soviel an Biomasse zu wie ein Baum mit nur einem halben Meter Durchmesser.

Damit sind die Alten und Dicken aber auch besonders wichtig für den Klimaschutz. Je schneller ein Baum wächst, desto mehr CO2 kann er speichern und dadurch die Atmosphäre entlasten. Soll der Wald also mehr CO2 speichern, müssen nicht nur die Holzvorräte erhöht werden, sondern die Bäume wieder älter und dicker werden dürfen. Aufgrund der intensiven forstwirtschaftlichen Nutzung hat die sogenannte CO2-Senkenleistung jedoch seit 1990 drastisch abgenommen.

2007 hat Deutschland die „Nationale Biodiversitätsstrategie“ (NBS) verabschiedet, um bedrohte Arten zu schützen. Ein Ziel dieser Strategie: Bis 2020 sollen 10 Prozent der öffentlichen Wälder aus der forstlichen Nutzung genommen werden. Die verbleibenden Wälder sollen nachhaltig bewirtschaftet werden, so dass sie sich hin zu naturnahen, vielfältigen Waldökosystemen entwickeln können. Die NBS wird in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich konsequent, insgesamt aber nicht annähernd umgesetzt: in Baden-Württemberg sind Stand 2016 nur 4,1% der öffentlichen Wälder geschützt. Hinzu kommt, dass in unserem Bundesland der Holzeinschlag ganze 94% des Zuwachses beträgt und es keinerlei Pläne zur Vorratssteigerung gibt.

Natürlich sind es die wirtschaftlichen Interessen der Forstindustrie, die da die Bemühungen des Natur- und Klimaschutzes sabotieren. Aber auch die Energiepolitik der Regierung selbst, denn bereits 2010 hat das Bundesumweltministerium gefordert, den Holzeinschlag in Deutschland bis 2020 um 30 Mio. Festmeter auf 100 Mio. Festmeter im Jahr zu steigern. Mit dem Ziel, den Anteil der „Erneuerbaren Energien“ in Deutschland zu erhöhen, indem mehr Holz verbrannt wird. Diese Strategie geht natürlich vor allem zu Lasten der Altholzbestände. Wieder einmal bewahrheitet sich die These von Jared Diamond: In dem Moment, in dem Überlebensbedingungen prekär werden, intensiviert man eher die vorhandenen Strategien als sich auf neue zu besinnen. (Ein anderes Beispiel wäre die Nutzung von Fracking zur Erdöl- und Erdgasförderung, in dem Moment, in dem ein Ende dieser Ressourcen absehbar wird.)

Nach der Recherche für diesen Artikel ist der Blutdruck natürlich wieder hoch. Und das nächste Waldbad will gut geplant werden, damit es auch die gewünschte therapeutische Wirkung ohne Idefix-Effekt hat …

Literatur:

 

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