Lights Out!

In wenigen Minuten ist Earth Hour, eine Initiative des WWF zum Klimaschutz, an der sich weltweit jedes Jahr mehr Menschen beteiligen. Ganze Städte schalten für eine Stunde das Licht aus, weniger eine effektive Sparmaßnahmen, mehr eine symbolische Aktion, um auf Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoß aufmerksam zu machen. Die Earth Hour will auch den Endverbraucher angeregen, zum Klimaschutz beizutragen und beispielsweise die Beleuchtung seines Heims auf Energiesparlampen umzustellen. Doch genau da liegt die Wurzel ein anderen Problems: der Lichtverschmutzung.

Unser Nächte werden immer heller. Seit 2012 wächst die Lichtverschmutzung um mindestens 2,2% pro Jahr (andere Messmethoden kommen auf bis zum 6%), das betritt sowohl die Lichtintensität als auch die Größe der beleuchteten Fläche. Die billigen und energieeffizienten Leuchtmittel, die überdies durch den hohen Blauanteil auf das Auge heller wirken als herkömmliche Lampen, ermöglichen es auch dem Privatmann mit kleinem Geldbeutel, die Nacht zum Tage zu machen. Und mit den beliebten Solarlampen kann er quasi zum Nulltarif dafür sorgen, dass im nächtlichen Garten kein Käferchen ein Auge zu tut.

Eigentlich paradox, dass eine Technologie, die umweltfreundlich sein will und könnte, das genaue Gegenteil bewirkt. Das Phänomen ist jedoch auch aus anderen Bereichen bekannt. So führt etwa die steigende Verfügbarkeit von alternativen Technologien zur Stromerzeugung wie Wind- und Wasserkraft nicht zum Umstieg und zum Überflüssigwerden der traditionellen Methoden – es wird ganz einfach mehr Strom verbraucht! Dieser sogenannten Rebound-Effekt trägt auch zur Lichtverschmutzung bei. Nach dem Motto “Weil ich es kann” sind Lichtinstallationen nicht mehr nur ein Phänomen der Weihnachtszeit, und die Leuchtreklame kann nun ruhig die Nacht über angeschaltet bleiben, es kostet ja nix.

Die Nacht verschwindet. Astronomen müssen immer weitere Fahrtwege in Kauf nehmen, um ein Fleckchen finden, auf dem sie den Sternenhimmel ungestört vom Streulicht der Siedlungen beobachten können. Aber sonst? Sind es nicht nur Grufties und unverbesserliche Dunkelromantiker, die der Finsternis nachtrauern?

Die Lebewesen, die am meisten betroffen sind, haben keine Stimme. Licht ist ein wichtige Orientierung und ein Taktgeber für alle Tiere und Pflanzen. Die Auswirkungen der Lichtverschmutzung auf Ökosysteme ist noch kaum erforscht. Ein Zusammenhang mit dem Insektensterben liegt indes nahe:

Deutsche Studien aus dem Jahr 2000 zeigen, dass in einer einzigen Sommernacht an einer Straßenlaterne durchschnittlich 150 Insekten zugrunde gehen. Rechnet man das auf die ca. 6,8 Millionen Laternen auf deutschen Straßen hoch, sind dies jede Nacht über eine Milliarde Insekten. Die zahlreichen anderen Lichtquellen (Gewerbe- und Industriegebiete, Werbeflächen, Privathaushalte) sind dabei noch nicht berücksichtigt. (Quelle: Earth Hour 2019. Wir leben nachhaltig.)

In beleuchteten Städten liegt die Insektensterblichkeit um ein Vielfaches höher als auf dem Lande. Und selbst wenn das Licht nicht zur Todesfalle wird, so kann es doch die Fortpflanzung behindern. Beleuchtete Straßen sind Barrieren, die den Weg zum Partner blockieren können. Außerdem wurde in Studien gezeigt, dass manche Insekten unter Lichteinfluss weniger Spermien und Sexuallockstoffe produzieren.

Viele Pflanzen sind auf nachtaktive Bestäuber angewiesen. Wenn die jedoch ihren Job nicht machen, weil sie sich lieber im Licht einer Laterne (vorzugsweise mit hohem Blauanteil) herumtreiben, könnte das negative Auswirkungen auf die entsprechenden Pflanzenarten haben.

Neben den Insekten sind vor allem die Vögel betroffen. Generell senken Vögel nachts ihre Körpertemperatur ab, um Energie zu sparen. In hellen Nächten gelingt das nicht, was gerade im kalten Winter problematisch wird, wenn mehr Energie verbraucht wird als durch das Futter aufgenommen werden kann. Und auch das Brutverhalten wird von nächtlichem Kunstlicht beeinflusst: Die Vögel beginnen früher mit dem Brüten. Das ist an sich kein Nachteil, es wird erst zum Problem, wenn in der Natur noch kein ausreichendes Nahrungsangebot vorhanden ist, um den Nachwuchs aufzuziehen.

Zugvögel, die nachts ziehen, haben ein komplexes Kompasssystem entwickelt, das sich an bestimmten Lichtquellen orientiert. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses System durch das zunehmende nächtliche Kunstlicht gestört wird, denn gerade der Anteil dieser Arten an den heimischen Zugvögeln nimmt stark ab. Überdies wirken beleuchtete Gebäude anziehend auf die Nachtwanderer. In den USA kamen an einem beleuchteten Sendemast in einer einzigen Nacht 12.000 Vögel zu Tode. Auch die Lichtinstallation am Ground Zero “Tribute in Light” ist eine Falle für die desorientierten Zugvögel, wie dieses Video eindrucksvoll zeigt. Mittlerweile wird sie ausgeschaltet, sobald sich mehr als 1.000 Vögel im Lichtkegel befinden.

Nachtaktive Zugvögel haben nicht nur einen jahreszeitlichen, sondern auch einen tageszeitlichen Rhythmus, der wie beim Menschen vom Hormon Melatonin gesteuert wird, das bei Dunkelheit ausgeschüttet wird. Wir Menschen kriechen bei einem entsprechenden Melatonin-Spiegel in die Federn – diese Zugvögel ruhen dagegen tagsüber und fliegen in der Nacht. Wird bei zuviel Kunstlicht nicht genug Melatonin ausgeschüttet, kommt dieser Rhythmus durcheinander.

Die sogenannte Sommerzeit wurde uns seinerzeit mit dem Argument verkauft, dass wir so lange Sommerabende im Hellen genießen können. Aber ist das wirklich ein Vorteil, wenn wir am nächsten Morgen früh raus müssen, aber nicht rechtzeitig in den Schlaf finden, weil dank dem Einfluss von Licht nicht genügend Melatonin ausgeschüttet wird? Und im Winter sorgt der Wunsch nach abendlichen Freizeitaktivitäten dafür, dass wir durch die erleuchtete Stadt bummeln oder uns in von kaltweißem Licht erhellten Turnhallen und Sportstudios herumtreiben – der Effekt ist der gleiche. Wir werden nicht müde, gehen zu spät ins Bett oder liegen schlaflos in selbigem. Bestenfalls leiden wir unter „sozialem Jetlag”, d.h. bekommen chronisch zu wenig Schlaf. Schlimmstenfalls entwickeln wir Schlafstörungen.

Ein Bewusstsein für dieses Problem ist in manchen Städten und Kommunen bereits vorhanden, man kümmert sich um neue Beleuchtungskonzepte, etwa um den Einsatz von bernsteinfarbenen LEDs oder von intelligenten Systemen, die die Straßenbeleuchtung nur dann einschalten, wenn auch Fahrzeuge oder Fußgänger unterwegs sind. Der Titel Sternenpark oder Sternenstadt birgt auch touristisches Potenzial, das haben das Westhavelland oder die Rhön bzw. die Stadt Fulda erkannt.

Aber auch jeder Einzelne hat dank der Technik viele Möglichkeiten, um die Natur und sich selbst vor Lichtverschmutzung zu bewahren. Bewegungsmelder und Zeitschaltuhren begrenzen die Beleuchtung auf das notwendige Minimum. Man kann Licht dimmen und die Farbtemperatur einstellen. Solarleuchten gehören nicht in den Garten, und keinesfalls darf man Pflanzen nachts anstrahlen. Das nächtliche Rampenlicht ist für manchen alten Baumriesen ein Todesurteil. Fehlen die tages- und jahreszeitlichen Ruhepausen, wächst die Anfälligkeit für Schädlinge und Krankheiten.

Das ist beim Menschen ganz genauso. Der Zusammenhang von Schlafmangel bzw. Schlafstörungen und vielen Erkrankungen ist mittlerweile gut erforscht. Und erster Ansatzpunkt, um für einen guten Schlaf zu sorgen, ist ein kluges Lichtmanagement. Auf den schädlichen Blaulichtanteil bei LEDs und Monitoren wird mittlerweile überall hingewiesen, es gibt Blaulichtfilter bzw. entsprechende Apps, die man einsetzen kann. Noch besser ist es, alle Bildschirme ein bis zwei Stunden vor dem Schlafgehen auszuschalten und sich dann nur noch Licht mit geringer Helligkeit und warmer Farbtemperatur auszusetzen. Umgekehrt hilft es dem Melatoninhaushalt auf die Sprünge, wenn man sich in den Morgenstunden einer großen Menge Tageslicht aussetzt, das wiederum einen hohen Blaulichtanteil enthält.

Also: Bitte das Licht ausmachen! Nicht nur am 30. März und nicht nur für die Geschöpfe der Nacht …

Quellen: